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Kleine Teufel verstehen: ein Abend im STEP Elterntraining

Nach einem überschwemmten Badezimmer oder vollgekritzelten Wänden ruhig zu bleiben, ist keine leichte Aufgabe für Eltern von Kleinkindern. Im STEP Elterntraining sollen sie lernen dieses Verhalten zu verstehen. Wie der Erziehungskurs ankommt, haben wir uns in Zürich Wollishofen angeschaut.

Manche Kinder sind kleine Teufel, das Step Elterntraining kann hier helfen.

Im STEP Elterntraining erfahren Mütter und Väter, warum ihre Kinder manchmal zu kleinen Teufeln werden. Foto: BrianAJackson, iStock, Thinkstock

Niedergeschlagen sitzt die junge Mutter auf ihrem Stuhl, den Oberkörper nach vorn gebeugt. Als sie von der grössten Enttäuschung dieser Woche spricht, bekommt sie feuchte Augen. Die Leiterin des Erziehungskurses Christelle Schläpfer hatte nach dem Highlight der Woche gefragt, doch bei Sandra gab es nur Tiefpunkte.

«Der schlimmste war der Streit ums Aufräumen», sagt sie mit leiser Stimme. Als sie vom Wäscheraum zurück in die Wohnung kam, lagen im Eingang wild durcheinander Kleider, Bücher und Bausteine. Wütend auf ihre dreieinhalbjährige Tochter, die für dieses Chaos verantwortlich war, wurde die Mutter laut und schmiss einen Baustein in die Ecke. «Müssen wir jetzt alle sterben?», war das einzige, was ihre Tochter darauf sagen konnte.

Statt Ermutigung nur Entmutigung

Ermutigung war das Thema des vorangegangen Kursabends. Doch Sandra ist entmutigt. Statt in ihrem Kind die positiven Seiten zu sehen, ihm Komplimente zu machen, ihm zu zeigen, wie lieb sie es hat, kann sie sich nur über ausgeleertes Duschmittel in der Badewanne und zerissene Buchseiten ärgern.

Trotzdem hofft die zweifache Mutter, die Erziehungstipps aus dem Kurs anwenden zu können: «Es braucht einfach noch Zeit.» Zumindest könne sie jetzt verstehen, wieso ihre Tochter frech wird. Mit anderen Müttern und Vätern besucht Sandra seit vier Wochen das «STEP Elterntraining», ein standardisiertes Programm, das Eltern hilft, «ein kooperatives, stressfreieres Zusammenleben in der Familie zu erreichen und eine tragfähige, erfüllende Beziehung mit ihren Kindern aufzubauen», wie es in einer Broschüre heisst. Weil im Erziehungskurs viele private Erlebnisse erzählt werden, haben wir die Namen der Teilnehmenden für diesen Beitrag geändert.

STEP Elterntraining

Das STEP Elterntraining ist ein Erziehungskurs für Mütter und Väter mit Kindern bis zum Teenageralter. Die Kurse gibt es für drei verschiedene Altersgruppen (0-6 Jahre, 6 bis 12 Jahre, 12 bis 18 Jahre). Es basiert auf der Individualpsychologie des österreichischen Arztes und Psychotherapeuten Alfred Adler. Drei amerikanische Psychologen entwickelten das pädagogische Konzept, welches auf liebevoll-konsequenter Erziehung, Anerkennung und Ermutigung basiert. Nach eigenen Angaben ist STEP das weltweit am weitesten verbreitete Elterntraining. In der Schweiz wird es in diesem Jahr zehn Jahre alt.

Weitere Informationen und Kursdaten finden Sie unter www.inSTEP-online.ch

STEP Elterntraining bietet Werkzeuge für die Erziehung

Jeden Montagabend treffen sich die sechs Frauen und zwei Männer mit Kindern im Alter zwischen knapp einem und sechs Jahren im altehrwürdigen Kinderhaus Entlisberg in Zürich Wollishofen. In acht Kurseinheiten von je zwei Stunden gibt ihnen Christelle Schläpfer Werkzeuge für die Erziehung auf den Weg. Die Eltern sollen lernen zu verstehen, warum sich ihr Kind daneben benommen hat.

Dabei unterscheidet das STEP Elterntraining vier Ziele des Fehlverhaltens von Kindern: Aufmerksamkeit, Macht, Rache und Beweis der Unfähigkeit. «Wenn ich verstehe, was das Kind ursprünglich wollte, kann ich angemessen darauf reagieren», erklärt Schläpfer. Macht beispielsweise übe ein Kind aus, wenn es bockig ist und seinen Willen durchsetzen will. Damit zeige es, dass es eigentlich Verantwortung und Mitsprache übernehmen will. Lösen könne man solche Machtspiele, indem Eltern dem Kind Freiraum in Grenzen bieten, ihm eine Wahl lassen.

Die Elterntrainerin nennt ein Beispiel: «Die Geschwister streiten sich vor dem Abendessen. Die Eltern können nun sagen: Der Tisch ist eine streitfreie Zone. Ihr könnt in Ruhe am Tisch mit uns essen oder in euer Zimmer gehen und dort streiten. Ihr entscheidet.»

Im Step Elterntraining lernt man aktives Zuhören.

Wichtiges Kommunikationswerkzeug im STEP Elterntraining: zuhören. Foto: dolgachov, iStock, Thinkstock

Im Kinderhaus Entlisberg geht es heute um das Zuhören. Die STEP-Elterntrainerin Christelle Schläpfer schickt Sandra aus dem Raum. Sie soll sich ein schönes Erlebnis überlegen, das sie den anderen Teilnehmenden erzählen will. Die anderen müssen ihr etwa fünf Sekunden zuhören und sie dann ignorieren, indem sie auf ihr Smartphone schauen, miteinander quatschen oder etwas in ihre Agenda notieren.

Sandra betritt den Raum und beginnt: «Mein grösster Wunsch war es einmal einen Delfin zu sehen». Während sie weiter erzählt, hören die anderen Eltern aufmerksam zu. Eine blondhaarige Mutter fängt an zu kichern, entschuldigt sich schnell, weil sie die Situation so absurd findet. Eine andere scharrt vorsichtig mit dem Fuss hin und her. Aber keiner traut sich wirklich Sandra zu ignorieren und nicht mehr zuzuhören. «Das ist doch unanständig», sagt die Mutter eines vierjährigen Sohnes. Und Christelle Schläpfer gibt zu bedenken: «Aber genau das erleben unsere Kinder manchmal. Wenn sie voller Begeisterung etwas erzählen wollen, hören wir nur halb zu, weil wir nebenbei kochen oder etwas anderes erledigen.»

Aktives Zuhören macht den Unterschied

In einer weiteren Übung geht es um das aktive Zuhören, ein zentrales Kommunikationswerkzeug des STEP Elterntrainings. Lea, Mutter eines vierjährigen Sohnes, soll sich vorstellen nach einem anstrengenden Tag nach Hause zu kommen. Sie darf nur einen Satz nennen: «So mühsam gsi», sagt sie. Die Elterntrainerin, in der Rolle ihres Partners, antwortet: «Komm schnell Tagesschau schauen. Es ist unglaublich...». Der Rest geht im Gelächter der Teilnehmenden unter.

Auch in den folgenden beiden Situationen müssen die Eltern schmunzeln. Lea sagt wieder denselben Satz. Schläpfer antwortet einmal «Was glaubst du, was ich für einen anstrengenden Tag hatte. Zuerst musste ich...» und beim nächsten Mal «Ich habe es dir ja schon längst gesagt. Du musst auch mal Nein zu deinem Chef sagen...» Erst beim vierten Mal wendet die Elterntrainerin das aktive Zuhören an: «Ich sehe, du bist genervt. Wollen wir einen Kaffee trinken und darüber reden?»

Beim aktiven Zuhören geht es darum, das Gefühl des Partners oder Kindes  zu benennen. Besonders in emotionalen Situationen, wenn das Kind wütend oder traurig ist, kann das aktive Zuhören deeskalieren. Die Kursleiterin erinnert sich noch gut an eine Situation mit ihrer eigenen Tochter. Diese wollte den anderen Kindern in der Schule ihren neuen Hund zeigen. Die Mutter schlug ihr vor, in der Pause vorbei zukommen. Am vereinbarten Tag war aber die Klasse der Tochter nicht auf dem Hof. Deshalb ging Christelle Schläpfer mit dem Hund wieder zurück. Als die Tochter nach Hause kam, war sie stinksauer: «Du warst nicht in der Schule, du dumme Sau», schnauzte sie ihre Mutter an. Schläpfer ärgerte sich über die Beleidigung. Doch statt im selben Ton loszubrüllen, sagte sie mit beherrschter Stimme: «Ich sehe, dass du sehr wütend bist. Ich war in der Schule, aber ihr wart nicht draussen.» Die Tochter verzog sich daraufhin in ihr Zimmer. Es dauerte nicht mal eine Minute, da kam sie zurück und bedankte sich bei ihrer Mutter fürs Vorbeikommen und entschuldigte sich für die Beleidigung.

STEP Elterntraining hilft dabei, dass sich das Kind verstanden fühlt

Lea ist skeptisch. Hätte es kürzlich wirklich etwas gebracht, wenn sie ihren Sohn, der sich beim Kinderarzt im Wartezimmer unter dem Tisch verkrochen hatte, auf sein Gefühl angesprochen hätte? «Ich merke, du hast Angst, weil du denkst, du bekommst einen Pieks.» Die Elterntrainerin glaubt fest daran. Durch das aktive Zuhören fühle sich das Kind verstanden und ernst genommen. «Man muss es ausprobieren», sagt Lea.

Die Erziehungstipps vom letzten Abend des STEP Elterntrainings haben bei ihrem temperamentvollen Sohn bereits Wirkung gezeigt. Es ging um die Ermutigung, darum das Kind nicht nur für seine Leistung zu loben, sondern ihm generell seine Wertschätzung zu zeigen. «Ich habe zu ihm gesagt, du bist das Liebste, was ich habe, du bist mein Stern und,  wenn wir streiten, habe ich dich trotzdem gern.» Er fand das super, sei in der Woche fröhlicher als sonst gewesen und hätte auch zu ihr gesagt: «Du bist die Beste, egal, was ist.» Deshalb ist Lea vom STEP Elterntraining begeistert. «Ich hätte schon viel früher gehen sollen.»