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«Berufstätige Eltern müssen kein schlechtes Gewissen haben»

Sie sind gerade mitten in einer Arbeit als Ihr Kind im Türrahmen erscheint und unbedingt mit Ihnen spielen will. Es ist ganz normal, dass Eltern für ihre Kinder nicht immer gleich alles stehen und liegen lassen. Trotzdem kann eine wiederholte Vernachlässigung bei Kindern zu ernsthaften Verhaltensstörungen führen. Die Psychologin Irina Kammerer erklärt im Interview mit familienleben, weshalb berufstätige Eltern aber kein schlechtes Gewissen haben müssen.

Die Qualität der Zeit mit den Kindern ist wichtiger als die Quantität

Wichtig ist die Qualität der Zeit, die man mit den Kindern verbringt. Foto: Thinkstock, iStockphoto

Es ist bewiesen, dass das Verhalten von Eltern Einfluss auf ihre Kinder hat. Kann ein Kind auch von der Abwesenheit der Eltern beeinflusst werden?

Irina Kammerer: Ja. Da Kinder  viel Aufmerksamkeit brauchen, ist es nicht ungewöhnlich, dass Eltern nicht immer gleich Zeit haben. Es ist auch gar nicht schlimm, wenn Mütter oder Väter mal Sätze wie «Ja, ich komme gleich» oder «Ich muss nur noch» sagen. So lernen Kinder, ihre Bedürfnisse aufzuschieben. Zum Problem wird es erst, wenn ein Kind häufiger vernachlässigt wird und unter dem Zeitmangel der Eltern leidet.


 

Wann verbringen Eltern zu wenig Zeit mit ihren Kindern?

Das wird von Kindern sehr individuell wahrgenommen. Laut einer repräsentativen Studie aus Deutschland sind 64 Prozent der Kinder mit der Zeit zufrieden, die ihre Mutter mit ihnen verbringt und nur 33 Prozent mit dem Zeitaufwand des Vaters. Als eindeutig zu gering beurteilen sechs Prozent der Kinder den Zeitaufwand bei der Mutter und 16 Prozent beim Vater.

Merken Eltern denn, wenn sich ihr Kind mehr Zeit wünscht?

Dazu gehört viel Einfühlungsvermögen. Ein Kind will gar nicht immer mit den Eltern reden oder spielen. Manchmal reicht es schon, wenn die Eltern im gleichen Raum präsent sind.

Was passiert, wenn Kinder unter dem Zeitmangel der Eltern leiden?

Vernachlässigung kann bei Kindern zu psychisch auffälligem Verhalten führen. Die Reaktionen sind sehr verschieden. Beim einen Kind treten beispielsweise Verhaltensprobleme mit Gleichaltrigen auf, bei einem anderen Hyperaktivität.

Ist es schon zu spät, wenn Eltern das auffällige Verhalten erkennen?

Zu spät ist es nie, da es heutzutage sehr gute Therapiemethoden gibt.

Müssen Eltern ein schlechtes Gewissen haben, wenn Kinder Verhaltensstörungen wegen Vernachlässigung entwickeln?

Ein Ziel ist es, den Eltern aufzuzeigen, wo ihre Teile liegen, was sie als Eltern verändern können, damit es dem Kind besser geht. Bei der Behandlung konzentrieren wir uns nicht auf Dinge, die in der Vergangenheit falsch gemacht wurden. Hauptsache ist, dass es dem Kind besser geht und eine gute Zukunft garantiert wird.

Wie viele Kinder sind von psychischen Störungen betroffen?

Jedes fünfte Kind. Besonders bedenklich ist, dass bereits im Alter von drei bis sechs Jahren 18 Prozent der Kinder psychisch auffällig sind. In diesem Alter ist weitgehend die Familie die zentrale Sozialisationsstätte, weshalb wir therapeutisch auch meist bei den familiären Risikofaktoren ansetzten müssen.

Wie schnell entsteht eine psychische Störung?

Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Gewisse Risikofaktoren begünstigen aber die Entwicklung einer Verhaltensstörung in Kombination mit Zeitmangel.  Dazu gehören psychische Störungen der Eltern, Störungen in der Partnerschaft, mangelnde elterliche Sensitivität und ungünstiges Erziehungsverhalten.

Dann entsteht eine Störung nicht alleine durch den Zeitmangel?

Nein, es korrelieren meist mehrere Faktoren.

Müssen erwerbstätige Eltern ein schlechtes Gewissen haben?

Nein. Studien haben ergeben, dass Kinder, deren Eltern zuhause bleiben, nicht unbedingt zufriedener sind als Kinder von erwerbstätigen Elternteilen. Im Gegenteil: Die grösste Zufriedenheit herrscht in Familien, bei denen beide Eltern Teilzeit arbeiten oder in Familienmit einem Vollzeit und einem Teilzeit beschäftigten Elternteil. Den höchsten prozentualen Anteil von elterlichen Zuwendungsdefiziten haben wir bei diesen Kindern, die alleinerziehende erwerbstätige Eltern haben oder bei denjenigen Kinder, deren Eltern arbeitslos sind.

Warum ist das so?

Es kommt nicht nur auf die Quantität an. Zentral ist, ob die Eltern ihre Berufssituation frei gewählt haben. Wenn eine Mutter zuhause bleiben muss, obwohl sie gerne arbeiten würde, ist sie unglücklich. Das hat Einfluss auf die Erziehung. Wenn sie hingegen ohne Druck ihrem Beruf nachgeht, ist sie nicht nur bei der Arbeit zufriedener, sondern freut sich beim Nachhausekommen auf ihr Kind.

Wie können berufstätige Eltern die Zeit mit ihren Kindern intensiv nutzen?

Ein schönes Beispiel ist das gemeinsame Essen. Da kommen alle Familienmitglieder zusammen, erzählen und hören sich gegenseitig zu – auch wenn es nur für eine Stunde täglich ist.

Immer wieder geraten Kinderkrippen in die Diskussion. Wie beurteilen Sie es, wenn Kinder schon sehr früh ausserfamiliär erzogen werden?

Das muss nicht schlecht sein. Wie schon erwähnt, verbringt eine Hausfrau nicht zwingend mehr qualitativ sinnvolle Zeit mit ihrem Kind als eine erwerbstätige Mutter. In Kinderkrippen wird auf gutes Personal geachtet, das sehr gut auf Kinder eingehen kann. Trotzdem sollte ein Kind nicht zu viele enge Kontaktpersonen haben. Erst durch Vertrauen entstehen die feinfühligen Bindungen, die ein Kind braucht.

Dr. Irina Kammerer ist seit September 2008 Leiterin des Bereichs Beratung und Therapie für Kinder/Jugendliche und Familien am Psychotherapeutischen Zentrum des Psychologischen Instituts an der Universität Zürich: irina.kammerer@psychologie.uzh.ch, Tel. 044 634 52 55

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