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Hört auf, Kinder wie kleine Erwachsene zu behandeln!

Eine kindgerechte Sprache bedeutet, dass wir mit Kindern anders kommunizieren sollten als mit Erwachsenen. Alles andere würde eine Überforderung bedeuten, sagt die Kinderpsychologin Ina Blanc – und gibt im Interview konkrete Tipps.

kindgerechte Kommunikation

Wie mit Kindern kommunizieren? Die Psychologin Ina Blanc setzt sich für eine kindgerechte Sprache ein. Foto: Lidya Nada, Unsplash

Kürzlich hinterliess ein Leser unter dem Artikel zur 1-2-3-Zählmethode bei Kindern einen Kommentar, der Folgendes besagte: Man würde sich ja nicht trauen, dem Chef zu sagen: «Ich zähle jetzt bis 3 – und dann...» Aus diesem Grund sollte man diese Methode auch nicht bei Kindern anwenden.

Damit bin ich absolut nicht einverstanden.

Warum?

Kinder sind keine Erwachsenen. Sie brauchen Grenzen, das gibt ihnen Sicherheit. Dass man die Grenzen permanent anpasst und mit dem Kind mitwachsen lässt und seine Macht als Erwachsener nicht missbraucht, ist selbstverständlich. Es ist ja auch die Errungenschaft des letzten Jahrhunderts, dass es Kinderrechte gibt und dass man Kinder nicht wie kleine Erwachsene betrachtet.

Der Chef steht in der Unternehmenshierarchie über den Mitarbeitern. Stellt man das Kind über die Eltern, wenn man mit ihm wie mit einem Chef spricht? Sollte es in der Familie überhaupt eine Hierarchie geben?

Es ist klar, dass es auch in der Familie eine Hierarchie gibt. Aber der Respekt ist für jedes Familienmitglied gleich.

Das Ziel sollte sein, dass alle auf derselben hierarchischen Ebene stehen, wenn die Kinder volljährig sind. Aber das ist am Anfang nicht gegeben. 

Welche Aufgaben haben die Eltern, die ja in der Hierarchie oben stehen?

Die Eltern haben die Verantwortung und müssen die Regeln setzen, alles andere wäre eine Überforderung für die Kinder und wäre auch nicht kindgerecht. Je größer die Kinder werden, desto mehr kann man die Hierarchie abflachen. Das Ziel sollte sein, dass alle auf derselben hierarchischen Ebene stehen, wenn die Kinder volljährig sind. Aber das ist am Anfang nicht gegeben. Das hat nichts damit zu tun, dass man ein Kind nicht respektiert.

Sondern?

Es geht bei Erziehung neben der pädagogischen Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten darum, das Kind zu schützen, bis es sich selber schützen kann. Man sagt ja nicht Nein, weil man einem Kind etwas nicht gönnt, sondern weil man um sein Wohlergehen besorgt ist. Das ist die Verantwortung der Eltern.

Denn ein Kind hat nicht die gleichen Fähigkeiten – kognitiv, sozial, emotional – wie ein Erwachsener. Es gibt einen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Den kann man nicht verneinen, das wäre ja absurd. 

Das Beispiel mit dem Chef ist vielleicht etwas speziell, aber es gibt auch die Meinung, man sollte mit dem Kind reden wie mit dem Partner. Ist das auch problematisch?

Ein Kind ist auch kein Partner. Es ist ja vielleicht gut gemeint, wenn man das sagt. In der Realität aber ist es jedoch auch eine Überforderung und nicht kindgerecht. Denn ein Kind hat nicht die gleichen Fähigkeiten – kognitiv, sozial, emotional – wie ein Erwachsener. Es gibt einen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen. Den kann man nicht verneinen, das wäre ja absurd. Das hat aber nichts mit fehlender Toleranz oder Respekt zu tun. Aber Kinder brauchen altersabhängige Grenzen und eine kindgerechte Sprache.

Was droht, wenn man ein Kind in die Rolle eines Erwachsenen drängt?

Wenn ein Kind in der Familie die Rolle eines Erwachsenen einnehmen muss, spricht man von Parentifizierung. Die Forschung zeigt, dass Parentifizierung in der Entwicklung ein Risikofaktor bei der Entstehung von psychischen Störungen im Erwachsenenalter ist.

Ich illustriere die Meinung, man solle mit Kindern sprechen wie mit einem Partner, mit diesen zwei Beispielen. Auf Facebook kursieren immer wieder solche Sprüche: „Heute schlafen mein Mann und ich getrennt, er soll sich nicht zu sehr an mich gewöhnen.“ Oder: „Mein Mann mag keinen Rosenkohl, ich bestehe darauf, dass er ihn trotzdem isst.“ Was meinen Sie dazu?

Für mich gilt: Man kann Kinder und Erwachsene nicht auf eine Ebene setzen. Das Ziel jeder Erziehung ist, aus einem Kind einen verantwortungsbewussten und selbstständigen Erwachsenen zu machen. Während dieser Entwicklung braucht ein Kind unter anderem Schutz, Geborgenheit und einen strukturierten Alltag. Je älter das Kind wird, desto mehr Verantwortung kann man dem Kind übergeben, bis es dann im erwachsenen Alter über sein Leben selbst entscheiden kann.

Haben Sie das Gefühl, dass Eltern bei ihren Kindern besonders beliebt sein wollen und sie selbst wie Freunde oder Partner von ihren Kindern wahrgenommen werden wollen?

Ja, ich glaube, es gibt eine solche Tendenz. Ich höre auch von Kollegen immer mehr, dass es Erziehungsschwierigkeiten gibt und dass Eltern sich nicht durchsetzen können, da sie Angst haben, Grenzen zu setzen.

Ich beobachte, dass Eltern ihren Kindern oft viel Verantwortung übertragen, die sie eigentlich selbst tragen sollten. 

Weil man Angst hat, das Kind mag mich dann nicht mehr?

Vielleicht ja. Aber man kann nicht generalisieren. Zum Teil werden Kinder mit Entscheidungen überfordert. Ich beobachte, dass Eltern ihren Kindern oft viel Verantwortung übertragen, die sie eigentlich selbst tragen sollten. Das ist zu viel für die Kinder. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass Eltern gar nicht mehr wissen, welche Werte sie selbst haben und so auch Kindern gar keine moralische oder verhaltensmässige Struktur vorgeben und -leben können. Es kommt auch vor, dass Eltern Kindern zwar mehr Verantwortung übergeben, aber weniger von ihnen erwarten. Also ein Ungleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten. Dies ist für Kinder nicht förderlich, da sie dann nur sehr wenig zur familiären Gemeinschaft beitragen und so kein gesundes Selbstvertrauen aufbauen können.

Eltern wollen heute nicht mehr autoritär erziehen. Das ist doch eigentlich positiv.

Es gibt ja verschiedene Erziehungsstile. Für die Kinder ist es wirklich das Beste, wenn Eltern den autoritativen Erziehungsstil nutzen. Dabei übergeben sie den Kindern ein gewisses Mass an Verantwortung, aber setzen auch klare Grenzen. So fühlen sich Kinder geborgen. Die Grenzen passen Eltern immer wieder an. Man hat in Studien tatsächlich beobachtet: Wenn Kinder nach dem laissez-faire-Prinzip erzogen werden, haben sie weniger Selbstvertrauen und schneiden auch schulisch schlechter ab. Denn das ist eine Überforderung für die Kinder.

Ina Blanc gibt Tipps, wie Eltern mit den Ängsten ihrer Kinder umgehen können.

Ina Blanc ist Psychologin am Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Uni Basel und ist dort Leiterin der Weiterbildungen in Kinder- und Jugendpsychologie.