Rudolf Steiner Schule: Ein Blick hinter offene Türen

Rudolf Steiner Schulen sind Schulen, die wir vage mit Kunst und dem Lernen abseits des Noten- und Leistungsdrucks verbinden. Doch was geschieht wirklich in den Gebäuden ohne Ecken? Familienleben hat in die Steinerschule in Ittigen reingeschaut und sich mit Theorie und Praxis dieser Schule auseinandergesetzt.

Rudolf Steiner Schule: Sinn um Umsetzung der Pädagogik

Die Rudolf Steiner Schule in Ittigen am Tag der offenen Tür. Foto: Bruno Vanoni

«Böse Zungen behaupten, die Steinerschulen zeigen schon mit ihrer Architektur, dass sie ‚eine Ecke ab haben‘», erzählt der Lehrer Torsten Steen auf unserem Rundgang leicht ironisch über die weit verbreitete Skepsis gegenüber dem Schulmodell. Dabei gehe es bei der Konstruktion einer Rudolf Steiner Schule um die folgenden pädagogischen Leitfragen: Was braucht die Klasse für einen Raum und was tut den Schülern gut? Denn auch die Räume sind ein pädagogisches Werkzeug und sollen dynamisch und fördernd wirken, anstatt erstarrt in rechten Winkeln daherzukommen.

Was bereits in der Architektur erkennbar ist, ist bezeichnend für die gesamte Pädagogik von Rudolf Steiner: Das Kind ist im Mittelpunkt und wird von Anfang an als eigenständiges und individuelles Wesen wahrgenommen. Die Pädagogik will das Kind als ganzen Menschen schulen und neben kognitiven Fähigkeiten vor allem auch die Kreativität und Sozialkompetenz fördern. Daher werden an den Rudolf Steiner Schulen nicht nur die gängigen Fächer wie Mathematik, Deutsch und Geschichte unterrichtet, sondern auch künstlerische und handwerkliche Fertigkeiten vermittelt. In den unteren Klassen sind dies vor allem Turnen, Handarbeit, Malen, Zeichnen, Singen, Theater und Eurythmie. In den oberen Stufen kommen dann auch handwerkliche Fächer wie Schreinern, Schmieden, Steinhauen, Gartenbau und Plastizieren hinzu. Zudem lernen alle Schüler bereits ab der ersten Klasse Englisch und Französisch.  

Rudolf Steiner und seine Anthroposophie

Im Zuge der Reformpädagogik im späten 19. Jahrhundert entwickelte Rudolf Steiner seine Anthroposophie und die Grundsätze der anthroposophischen Erziehung. Unter dem Begriff versteht Steiner den Erkenntnisweg zur Vervollkommnung des Menschen. Dafür beschäftigte er sich mit dessen verschiedenen Entwicklungsstufen und entwickelte eine Pädagogik, die dieser Entwicklung entspricht. Dabei geht es um die schrittweise Entfaltung des Menschen zur freien Selbstbestimmung. Die Aufgabe des Lehrers ist es, diesen Weg zu unterstützen und das Kind in seiner individuellen Entwicklung zu fördern.

 

Unterrichtet wird in sogenannten Epochen, um den Stoff möglichst vertiefen zu können. Das bedeutet, dass eine Klasse ein Thema während drei bis vier Wochen behandelt und von verschiedenen Seiten beleuchtet. Die künstlerischen Fächer laufen jedoch durchgehend. Dieser Schwerpunkt beim Künstlerischen bedeute aber nicht, dass man einfach doppelt so viel zeichnet wie in den staatlichen Schulen, stellt Bruno Vanoni, ehemaliger Schülervater und Mitglied des Vorstands, richtig. Vielmehr werde auch im eigentlichen Unterricht der Stoff von einer künstlerischen Seite her angegangen. Es gehe dabei stark um das persönliche Erleben und Experimentieren. Daher haben die Klassen auch zahlreiche Projekte wie Theater, Berufspraktika oder Waldtage. In der vierten Klasse haben die Schüler beispielsweise ein Bauernjahr, während dem sie neben dem regulären Unterricht Getreide anpflanzen, ernten, verarbeiten und am Schluss das selbstgebackene Brot in den Händen halten.

Die Kunst des Unterrichtens

Der Einstieg in das Schulleben beginnt mit dem siebten Lebensjahr auf sanfte und spielerische Weise. Mit Versen, Sprüchen und Bewegungen werden die Kinder in die Welt der Zahlen und Buchstaben eingeführt. Jeder darf in seinem eigenen Tempo lernen und muss nicht schon in den ersten Schuljahren ein bestimmtes Niveau erreichen. Dies wird von Schülern wie Eltern sehr geschätzt. «Jeder lernt hier für sich selbst und bekommt auch Anerkennung für sich selbst und nicht primär für die Leistung», erklärt ein Schülervater.  

Der Lehrer soll bei diesem individuellen Lernprozess eine begleitende, anregende und unterstützende Rolle einnehmen und auf jedes einzelne Kind eingehen. Wie Rudolf Steiner verstehen auch die Lehrpersonen der Steinerschulen das Unterrichten als eine Kunst. «Für mich ist der Schulstoff wie eine Knetmasse, die man für jede Klasse neu formen und präparieren muss», erklärt Christoph Lauber, ehemaliger Steiner-Lehrer und Heilpädagoge. «Man muss zusammen mit den Schülern einen Weg finden, wie der Einzelne sich möglichst fruchtbar entfalten kann. Das ist für mich die eigentliche Kunst des Unterrichtens», ergänzt Kollege Torsten Steen.

Lernen für sich selbst statt für die Noten

So verschieden und persönlich, wie die Lehrperson den Stoff vermittelt, bewertet sie auch jedes einzelne Kind. Denn damit jeder Schüler in seiner eigenen Geschwindigkeit lernen kann, gibt es in den unteren Klassen keinen Leistungsdruck und keine Noten. Stattdessen werden individuelle Textzeugnisse verfasst, in denen auf die Stärken, Schwächen und Fortschritte jedes Kindes eingegangen wird. «Auch die Schwächeren muss man abholen und da hinführen, wo sie ihre Chancen bekommen können – die Note ,ungenügend‘ ist da wenig hilfreich», erklärt Torsten Steen. Auch Schüler und Eltern finden solch ausführliche Berichte weit informativer als eine reine Note. «So merkt man, dass der Lehrer sich mit einem beschäftigt und persönliche Entwicklungen bemerkt», sagt der 17-jährige Schüler Matteo. 

Ganz ohne Noten geht es dann aber doch nicht: Damit die Schüler anschliessend weitergehen können, müssen sich auch die Rudolf Steiner Schulen anpassen. Die reguläre Schulzeit dauert zwölf statt nur neun Schuljahre. Im Gegensatz zu den staatlichen Schulen wird bis zum Schluss keine Selektion vorgenommen. Erst in ihren letzten Schuljahren entscheiden die Schüler über ihren weiteren Weg. Deshalb gibt es auch hier ab der zehnten Klasse klare Benotungen. Mit den entsprechenden Noten ist dann im Kanton Bern ein prüfungsfreier Übertritt an ein staatliches Gymnasium, die Aufnahme an eine höhere Fachschule oder Fachhochschule oder der Beginn einer Lehre möglich. Die genauen Regelungen sind in der Schweiz jedoch von Kanton zu Kanton verschieden. Für die Schüler sei der Übergang zu Noten aber kein Problem, so der Zwölftklässler Thomas, schliesslich habe jeder mit Noten gerechnet und wolle auch mal wissen, wo er steht. Angst vor dem Druck in der Berufswelt oder am Gymnasium haben die Schüler nicht. «Nach zwölf Jahren Schule ist man sicher vorbereitet, ausserdem muss ja jeder viel arbeiten, wenn er irgendwo einsteigen will», meint Matteo.

Zudem sei es ja nicht so, dass die Schüler ohne Druck nichts leisten würden, betont Vorstandsmitglied Bruno Vanoni. Künstlerische Fächer wie Eurythmie oder Steinhauen seien schliesslich auch herausfordernd und auch die zahlreichen Projekte erforderten besondere Leistungen.

Was ist Eurythmie?

«Eurythmie ist die Umsetzung der Sprache und Musik in eine Bewegung hinein», erklärt Christoph Lauber. Es ist eine bestimmte Art der Bewegung zur Musik, die von Rudolf Steiner selbst entwickelt wurde. Mit der Eurythmie sollen die Schüler lernen, Gefühle auszudrücken.

 

Die Schüler engagierten sich hier nicht wegen der Noten, sondern für sich selbst oder weil sie sich für etwas begeistern können. Dieses hohe Engagement und die Motivation zeichnen auch die Schulabgänger im späteren Berufsleben aus. Laut der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen der Schweiz und Lichtenstein ergreift rund die Hälfte aller Absolventen der Steinerschulen später einen sozialen oder helfenden Beruf. Die Pädagogik selbst will jedoch die Berufswahl der Schüler in keiner Weise beeinflussen. Ihr Ziel ist es, dass sich alle frei und individuell entfalten und ausleben können. «Ich möchte den Schüler so in seiner Entwicklung stärken, dass er sich ungehindert selbst verwirklichen kann», erklärt Christoph Lauber seine Motivation. 

Und wie sehen das die Schüler? Im Unterricht selbst werden Steiners Lehren nicht vermittelt, da die Kinder nicht zur Anthroposophie gedrängt werden sollen. Daher kennen die befragten Schüler die pädagogischen Überlegungen hinter ihrem Unterricht nicht. Doch es gefällt ihnen und sie schätzen die künstlerische Förderung wie auch die Wahrung ihrer Individualität. Auf die Frage, ob sie ihre Kinder denn selber auch mal in die Steinerschule schicken wollen, antworten alle mit Ja - oder zumindest würden sie es in Betracht ziehen.

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