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Warum Jungen schlechter in der Schule sind

Buben sind die Verlierer im Schulsystem, heisst es. Sie zeigen schlechtere Schulleistungen als Mädchen und machen viel seltener eine Matura. Kritiker sprechen von einer «Jungenkrise». An der Feminisierung der Bildung, wie bisher vermutet, liegt es aber nicht. Das zeigen neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

Jungen sind in der Schule schlechter als Mädchen.

Jungen haben im Durchschnitt in der Schule schlechtere Noten als Mädchen. Foto: iStock, Thinkstock

Seit Pisa wissen wir: Jungen sind in der Schule schlechter als Mädchen. Zwar sind sie in Mathe etwas besser als die Mädchen, nämlich um 12 Punkte. Im Lesen sind sie dafür umso schlechter. Mädchen liegen 39 Punkte weiter vorn. Gemäss einer Berner Studie liegen die Noten der männlichen Achtklässler im Allgemeinen um 0.2 Notenpunkte tiefer als die der weiblichen. Die Zahlen vom Bundesamt für Statistik zeigen kein besseres Bild. Demnach gibt es unter den Jugendlichen mit gymnasialer Matura nur 42 Prozent Jungen.

Schon lange befürchten Kritiker, dass Buben in der Schule benachteiligt würden. «Die Schulen haben sich schleichend zu einem Biotop entwickelt, das den Bedürfnissen der Knaben kaum mehr gerecht wird», schrieb Jugendpsychologe Allan Guggenbühl bereits 2001. Auch der Kinderarzt Remo Largo warnte Anfang des Jahres in einem Interview: «Jungen werden in der Schule über Jahre hinweg demotiviert.» Mit der starken Fokussierung auf Sprache, Ordnungsliebe und Fleiss in der Schule werde man den Jungen nicht gerecht.

Jungen in der Schule besser fördern

Die Gründe für die schlechten Schulleistungen der Jungen waren schnell gefunden: Schuld gaben die Kritiker unter anderem einer weiblichen Lernkultur, einer einseitigen Mädchenförderung und dem höheren Anteil weiblicher Lehrpersonen. Man fordert nun, die Buben besser zu fördern, ihre Stärken anzuerkennen und mehr Lehrer einzustellen, welche die Buben «aus einer männlichen Haltung heraus erziehen», wie Jugendpsychologe Guggenbühl es formulierte.

Warum die Debatte über die angebliche Feminisierung der Bildung so emotional geführt wurde, erklärt sich Elisabeth Grünewald-Huber, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Bern so: «Männer waren über Jahrhunderte gewohnt, die erste Geige zu spielen, einfach aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit. Davon Abschied zu nehmen, scheint vielen schwer zu fallen.»

Geschlecht an sich ist nicht schuld an den schlechten Schulleistungen der Jungen

Um Fakten in diese emotionale Debatte zu bringen, haben Elisabeth Grünewald-Huber und ihr Team eine Studie durchgeführt, welche die bisherigen Annahmen in Frage stellt. Es sei nicht das Geschlecht, das den Mädchen einen Vorteil verschafft, sagt Grünewald-Huber. Sondern die Tatsache, dass Mädchen durchschnittlich egalitärere Geschlechtervorstellungen hätten. Das mache sie flexibler, alltagstauglicher, lerninteressierter und lernfähiger. Jungen hätten dagegen häufiger sehr stereotype Männlichkeitsvorstellungen, die ihnen schaden. Denn traditionelle Geschlechterrollenvorstellungen führen zu signifikant geringeren Schulnoten, so das Ergebnis, welches in ihrem Projektbericht vom Juni 2011 nachzulesen ist. Für die Studie wurden über 800 Schüler und Schülerinnen der achten Klasse im Kanton Bern befragt. Zudem wurden Gruppendiskussionen geführt und Unterrichtsvideos ausgewertet.

Die Forscher wollten beispielweise wissen, wie die Rollenverteilung bei den Schülern aussieht, wenn sie 40 Jahre alt sind. Die meisten Jungen glauben, dass sie später mehr arbeiten werden als ihre Partnerin, während sie im Haushalt weniger machen müssen. Nur rund 14 Prozent der Jungen können sich vorstellen, später genauso viel zu arbeiten wie ihre Partnerin. Bei den Mädchen erwarten rund 37 Prozent, dass sie genauso viel arbeiten wie der Partner.

Besonders Schüler auf Realschulniveau zeigten ein verfestigtes, traditionelles Geschlechterrollenverständnis. Sie waren zum Beispiel der Meinung, dass die Aufgaben zwischen Mann und Frau in einer Partnerschaft klar geregelt sind. Der Mann arbeitet Vollzeit und bringt das Geld nach Hause. «Die Frau, die bis zur Geburt des (ersten) Kindes voll berufstätig war, übernimmt die Rolle als Rund-um-die-Uhr-Mutter und Hausfrau», heisst es im Bericht. Diese Vorstellungen erscheinen diesen Jungen als «logisch», «normal» und sind ihnen «eingeprägt».

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