Wer sich bewegt, konzentriert sich besser

Am Schreibtisch sitzen und büffeln kann für Kinder ganz schön langweilig sein. Zu den besseren Lernmethoden gehört bewegtes Lernen. Wie sich Lernen und Bewegung kombinieren lassen, verrät der Schweizer Stephan Zopfi, Experte auf diesem Gebiet.

Kinder sollen sich beim Lernen bewegen

Jonglieren ist ein gutes Konzentrations-, Rhythmus-, Reaktions- und Wahrnehmungstraining. Foto: gjohnstonphoto, iStock, Thinkstock

Herr Zopfi, Kinder müssen beim Lernen in der Schule viel still sitzen. Von 30 Schulstunden in der Woche entfallen nur drei auf den Sportunterricht.

Stephan Zopfi: Angesichts dessen, dass die negativen gesundheitlichen Folgen des vielen Sitzens längst bekannt sind, ist das ein Skandal! Kinder und Jugendliche sitzen in der obligatorischen Schulzeit mehr als 10’000 Schulstunden, sofern sie nicht bewegten Unterricht geniessen dürfen.

Welche Konsequenzen kann Bewegungsmangel haben?

Bewegungsmangel führt nicht nur zu Haltungsschäden und Übergewicht. Wenn der Körper auf der Schulbank nach Bewegung schreit, fällt auch die Konzentration schwer. Schlechtere Lernergebnisse sind die Folge. Und der aufgestaute Bewegungsdrang entlädt sich auf dem Schulhof oft in aggressivem Verhalten.

Wie viel Bewegung brauchen Kinder?

Kinder und Jugendliche müssen sich jeden Tag mindestens 90 Minuten bewegen, ergab eine die European Youth Heart Study, an der 1’732 Kindern und Jugendlichen im Alter von neun und 15 Jahren in Dänemark, Portugal und Estland teilnahmen. Nur mit dieser regelmässigen, sprich täglichen Bewegungszeit, lässt sich ein gehäuftes Auftreten von Risikofaktoren, die das Herz und das Gefäss-System betreffen, vermeiden.

Die Stadt Luzern hat vor zehn Jahren einen Versuchsballon mit einer täglichen Sport- und Bewegungsstunde in der Primarschule gestartet ...

Ja, inzwischen haben 1’300 Kinder in sechs Luzerner Schulhäusern täglich eine Stunde Sportunterricht. Neben den drei gemäss Bundesgesetz vorgesehenen Sportstunden findet jede Woche eine zusätzliche Stunde statt. Diese wird durch eine Fachlehrperson erteilt und widmet sich den koordinativen Fähigkeiten. In der zweiten zusätzlichen Bewegungslektion, der Sportstunde im Freien, entscheidet die Lehrperson, ob Mathe, Deutsch oder das Fach «Mensch und Umwelt» integriert wird, oder ob von diesen Fächern Zeit für die Sportstunde im Freien abgezweigt wird. Das macht für Schüler der Versuchsschulen also fünf Schulstunden Sport pro Woche.

Haben Haltungsschäden durch den zusätzlichen Sportunterricht abgenommen?

Da Haltungsschäden auf Grund von Versäumnissen in der Jugend erst im Erwachsenenalter auftreten, kann dies in unserem Projekt nicht nachgewiesen werden. Wir können aber sagen, dass das Übergewicht bei den Knaben signifikant gesunken ist. Die Jungen, die sich schon knapp drei Jahre im Projekt befinden, haben im Vergleich zu Kindern anderer Schulhäuser deutlich niedrigere BMI-Werte. Damit sinkt für sie das Risiko, langfristig an Folgekrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder anderen assoziierten Erkrankungen zu leiden. Darüber hinaus stellen wir auch fest, dass die Gleichgewichtsfähigkeit der Kinder enorm gestiegen ist. Das ist – hinsichtlich der grossen Zahl der Fahrradverkehrsunfälle - sehr erfreulich!

Geht so viel Sport nicht auf Kosten des Lernens?

Nein, im Gegenteil! Die tägliche Sport- und Bewegungsstunde hat bei den Versuchsschülern zu einer markanten Steigerung der Konzentrationsleistung von rund 30 Prozent gegenüber einer Vergleichsgruppe geführt! Alle Jahres-Lernziele werden erreicht.

Mehr Sport täte also allen Schülern gut …

Unsere Projektvorlage lässt sich in leicht modifizierter Form auf alle Schulhäuser übertragen. Leider ist die Politik aber nicht bereit, die 130 Franken pro Kind pro Jahr bereitzustellen … Dabei liegen die Gesundheitskosten von mehr als acht Milliarden Franken pro Jahr, die in der Schweiz durch Bewegungsmangel entstehen, weitaus höher! Würde man also im Promillebereich dieser Summe in Prävention investieren,  hätte man in einigen Jahren einen return on investment im Prozentbereich.

Bewegung lässt sich auch in den üblichen Unterricht einbauen …

Ja, allerdings verbessern Bewegungsspiele innerhalb des Unterrichts nur die Konzentrationsfähigkeit. Dem Gesundheitsaspekt dienen sie weniger. Ausserdem versanden solche Bemühungen meist schon nach zwei bis drei Monaten, zeigt die Praxis.

Wie können Eltern ihren Kindern «Bewegtes Lernen» jetzt schon vermitteln?

Eltern haben sehr viele Möglichkeiten, dem vielen Sitzen ihrer Kinder beim Lernen entgegen zu wirken. Zum einen können sie Lehrpersonen auf das Thema ansprechen und so – wenn dies nicht schon geschehen ist – die Lehrperson sensibilisieren, Sitzzeiten zu reduzieren. Zum anderen können sie, vor allem bei den Hausaufgaben, ihre Kinder anleiten, sich beim Lernen zu bewegen. Lesen lässt sich auch im Stehen! Und beim Rechnen können Kinder schaukeln oder auf einem Bein balancieren …

Welche konkreten Bewegungsspiele empfehlen Sie Eltern und ihren Kindern?

  • Balanceübungen wie Stehen auf einem Bein: Dazu lassen sich auch diverse Bewegungen mit den Armen ausführen. Eine Variante kann sein, dabei die Augen zu schliessen.
  • Joggen und Kickboard fahren. Wenn der Vater joggt, fährt das Kind mit dem Kickboard hinterher, zwischendurch wechseln.
  • Jonglieren ist ein gutes Konzentrations-, Rhythmus-, Reaktions- und Wahrnehmungstraining: Zuerst einen Ball werfen, dann zwei Bälle und schliesslich – vielleicht mit dem Umweg über Tücher – drei Bälle. Wichtig ist, kleine Bälle zu benutzen, die gut in der Hand liegen. Sie sollten nicht grösser als Tennisbälle sein. Nicht zu hoch werfen und die Hände möglichst immer an der gleichen Stelle lassen. Im Internet finden sich viele Anleitungen.
     
Stephan Zopfi

 

Zur Person:

Stephan Zopfi, Dozent für Allgemeine Didaktik und Bewegung und Sport an der Pädagogischen Hochschule Luzern, arbeitet mit grosser Leidenschaft an seinem Ziel, mehr Bewegung in die Schweizer Schulen zu bringen. Im November erscheint sein neustes Buch «Coole bewegte Hausaufgaben» mit praktischen Anleitungen im Hofmann-Verlag.

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