Jedes Internat in der Schweiz ist ein eigener Kosmos

Hanni und Nanni, die Jungen von Burg Schreckenstein oder Carlotta und Paulina. Die bekannten Kinderbuchfiguren haben alle etwas gemeinsam, sie leben im Internat, feiern Partys und unternehmen spannende Ausflüge. Doch das Leben in einem Internat in der Schweiz hat auch viele Nachteile.

Internat Schweiz: Chancen und Nachteile

Ob ein Internat in der Schweiz das Richtige ist, entscheidet der Charakter des Kindes und oft der Geldbeutel der Eltern. Foto: RimDream, iStock, Thinkstock

«Dein Kind geht auf ein Internat?» Menschen reagieren in der Regel erstaunt, wenn sie hören, dass Kinder fernab des Elternhauses ein Internat in der Schweiz besuchen. Denn Internate muten exotisches an. Wer sich nicht an fantastische Abenteuer aus Kinderbüchern erinnert, denkt an Berichte über Schweizer Elite-Internate.

Internat Schweiz: Teuerste Schule der Welt

Tatsächlich finden sich die teuersten Schulen der Welt in der Schweiz. «Wenn Sie eine Versammlung der Welt-Elite finden wollen, gibt es für Ihre Suche keinen besseren Platz als das Dorf Rolle in der Schweiz», heisst es in der englischsprachigen Wirtschaftszeitschrift «Forbes». «Hier werden Sie eine illustre Gesellschaft finden.» Die Rede ist von Öl-Baronen vom Persischen Golf, von italienischen Textil-Billionären, spanischen Banker-Familien oder japanischen Grossindustriellen. Das Institut Le Rosey gilt als die teuerste Schule der Schweiz. «Für ein Jahr werden inklusive aller Extras rund 140‘000 Franken fällig», berichtete die NZZ. Namen anderer Elite-Schulen in der Schweiz sind unter anderen das Lyceum Alpinum in Zuoz in St. Gallen und das Institut Montana auf dem Zugerberg.

Elite-Internat: Sicherheit und Stabilität

Der Anlauf auf Schweizer Elite-Internate ist gross. Doch weshalb sind Eltern dazu bereit, so viel Geld für eine Schule auszugeben, anstatt ihre Kinder in britische Einrichtungen zu geben, die lediglich gut halb so viel kosten? Die NZZ liefert die Antwort: «Neben den klassischen Standortvorteilen – gute Infrastruktur, Sicherheit, Stabilität – lassen drei Faktoren Schweizer Institutionen hervorstechen: die hohe Qualität der Ausbildung, die Mehrsprachigkeit und die Internationalität der Internate.» Viele Schweizer Internate sind mit 200 bis 400 Schülern relativ klein.

Manchmal wünschen sich nicht nur reiche Familien, sondern auch «Normal-Bürger», ihr Kind auf ein Internat schicken zu können. «Die berufliche Situation macht immer wieder Umzüge erforderlich oder lässt zu wenig Zeit für die Kinder», nennt Dr. Hartmut Ferenschild von der Internatsberatung «Internate.de» einen der Gründe. Manche Eltern erhoffen sich eine tiefere oder breitere Bildung, eine Bildung, die Schulen im Umkreis ihrer Meinung nach nicht vermitteln können. Andere Eltern liebäugeln mit einem Internat in der Schweiz, weil das Kind besondere Begabungen hat, auf deren Förderung sich die Schule spezialisiert hat. Ein Sport-Internat ist dafür ein klassisches Beispiel.

Hoffnungsschimmer Internat

Internate sind für Eltern auch dann ein Hoffnungsschimmer, wenn ihr Kind unter besonderen Lernschwierigkeiten leidet. Sie versprechen sich vom Besuch, dass ihr Kind dort mit spezieller und individueller Hilfe in kleinen Klassen seine Probleme besser als in der Schule vor Ort meistern kann. Schliesslich und endlich sind manche familiäre Probleme so verfahren, dass Eltern sich nicht zutrauen, sie lösen zu können. Das Internat empfinden sie dann wie einen Schutzraum für das Kind.

Internate in der Schweiz kosten Geld

Wer sein Kind auf einem Internat unterbringen will, muss in der Regel Geld übrig haben. Schülerheime in privater Trägerschaft liegen in der Regel bei um die 50‘000 Franken. Günstiger sind Internate, die von einer Stiftung oder einem Kloster getragen und damit subventioniert werden. Einige Schulen fördern einkommensschwache Familien, halten preisreduzierte Förderplätze bereit oder bieten Stipendien an.

Internat mit unterschiedlichen Ausrichtungen

Wer die Wahl hat, hat die Qual. In der Schweiz gibt es etwa 100 klassische Internate für Kinder ab zwölf Jahren. Die Ausrichtungen sind sehr unterschiedlich. So gibt es zum Beispiel Institutionen mit eigener Schule und Internate, die mit benachbarten Schulen anderer Träger kooperieren, konfessionell geprägte und weltanschaulich neutrale Internate, Institutionen mit handwerklicher Ausbildung oder mit bestimmten Fördermöglichkeiten bei Hochbegabung, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder ADHS. Manche Schulen stehen dagegen ausschliesslich Jungen oder Mädchen offen. «Internate sind unverwechselbare kleine Organismen; keines ist dem anderen gleich, jedes verfügt über eigene Schwerpunkte, Erfahrungen, Besonderheiten etwa seiner geographischen Lage, seiner Tradition, seiner schulischen Abschlüsse und Förderprogramme, seiner ausserschulischen Angebote, seines pädagogischen Stils und Klimas», so Dr. Hartmut Ferenschild. Eltern bliebe es nicht erspart, die eigenen Erwartungen mit den Profilen zahlreicher verschiedener Einrichtungen zu vergleichen.

Nicht für jedes Kind geeignet

Ein Internat mag manchen Mehrwert bieten, doch es hat auch viele Nachteile. «Es gibt Kinder, die zu kreativ, zu individualistisch sind, die nicht glücklich werden in kollektivistischer Erziehung», sagte Werner Graf, Jugendpsychologe und ehemaliger Leiter des Internats Flims, der NZZ. Auch die Gefahr für Mobbing sei grösser.

Nachteilig für ein Kind kann auch sein, dass im Internat Wohnen, Schule und Freizeit auf einen Lebensbereich mit mehr oder weniger denselben Menschen reduziert sind. Ein Kind, das bei den Eltern lebt, hat dagegen verschiedene Lebensfelder, in denen es Geborgenheit finden, wachsen und auch verschiedene Rollen ausprobieren kann. Läuft es in einem Bereich – zum Beispiel mit den Klassenkameraden in der Schule - nicht so gut, hat es die Möglichkeit, Halt in einem anderen Umfeld – zum Beispiel im Volleyballverein - zu finden. Dr. Hartmut Ferenschild: «Entscheidend ist die Freiwilligkeit; das Kind muss sich mit Neugier und positiver Erwartung auf die neue Situation einlassen und zu anderen Kindern und Erwachsenen leicht eine tragfähige Beziehung aufbauen können. Gute Internate nehmen Kinder gegen ihren Willen niemals auf.»

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