Frühfranzösisch in der Schweiz: Wie viele Sprachen kann ein Kind in der Schule lernen?

Derzeit lernt ein Primarschüler in der Schweiz neben einer zweiten Landessprache auch Englisch. Kritiker in der Deutschschweiz glauben, Kinder seien damit überfordert und plädieren dafür, Frühfranzösisch abzuschaffen. Dabei sollte es in der Debatte nicht um die Quantität, sondern die Qualität der Sprachvermittlung gehen.

In der Schweiz lernen Kinder Englisch und Frühfranzösisch in der Schule

Mit dem richtigen Unterricht können Primarschüler erfolgreich Frühfranzösisch und Englisch lernen. Foto: Oko_SwanOmurphy, iStock, Thinkstock

Die hitzige Debatte über den Fremdsprachenunterricht in der Primarschule ist wohl an keinem vorbeigegangen. Das Modell 3/5, das vorsieht, dass Primarschüler ab der 3. Klasse die erste und ab der 5. Klasse die zweite Fremdsprache lernen, stösst in einigen Schweizer Kantonen auf Kritik. Englisch sei wichtig, um in einer globalisierten Welt mithalten zu können. Dafür soll Frühfranzösisch abgeschafft werden, um Kinder weniger zu belasten. Ohne Frühfranzösisch jedoch wären Kinder innerhalb der Schweiz weniger mobil, meinen Gegner. Experten wie der Kinderarzt Remo Largo und der Sprachwissenschaftler Raphael Berthele glauben, dass nicht die Anzahl der Fremdsprachen, sondern die Qualität des Unterrichts eine entscheidende Rolle spielt.

Kinder und Sprachen lernen

Kinder sind kleine Sprachgenies. Davon geht die Forschung seit vielen Jahren aus. Sie kommen mit der Begabung zur Welt, sich jede beliebige Sprache aneignen zu können. Unbewusst erfassen sie die Regeln einer Sprache, wie Grammatik oder Satzstellung. Dafür ist es allerdings wichtig, dass Kinder in einem ständigen sprachlichen Austausch mit Eltern, Erziehern und Gleichaltrigen stehen, um intensive Spracherfahrungen machen zu können. Sprache muss konkret erlebt werden: «Nur wenn die Kinder das Gehörte mit Personen und Gegenständen, Handlungen und Situationen verbinden können, lernen sie, Sprache zu verstehen und zu sprechen», schreibt Kinderarzt und Autor Remo Largo im Januar im Tagesanzeiger.

Frühfranzösisch und Englisch: Das Schweizer Bildungssystem

Dieses grosse sprachliche Potential versuchen Politiker und Lehrkräfte weitgehend auszuschöpfen, indem sie Fremdsprachen in den Unterricht der Primarschule integrieren. So früh wie möglich sollen sie auch andere Sprachen lernen als ihre Muttersprache. In der Schweiz lernen Schüler je nach Sprachregion Frühfranzösisch oder Deutsch als zweite Landessprache. Zusätzlich steht spätestens ab der 5. Klasse Englisch auf dem Lehrplan. Am Ende der obligatorischen Schulzeit, also der 9. Klasse, sollen die Schüler in beiden Fremdsprachen auf dem gleichen Niveau sein. Das frühe Fremdsprachenlernen in der Schule hat zum Ziel, dass alle Schulabgänger sich in mindestens drei Sprachen in konkreten Situationen im Alltag verständigen können. Besonders in Hinblick auf die verschiedenen Sprachregionen innerhalb der Schweiz ist dies wünschenswert.

Fremdsprachen in der Schule: Was ist wichtig?

Dass ein früher Lernbeginn das Sprachenlernen begünstigt, ist bei Linguisten umstritten. «Es gibt kein neues Forschungsresultat, das belegt, dass es besonders effizient ist, früh zu beginnen. Für erfolgreiches Sprachenlernen spielt weniger der Zeitpunkt des Beginns eine Rolle, als die Qualität des Unterrichts», meint Prof. Dr. Raphael Berthele vom Institut für Mehrsprachigkeit an der Uni Freiburg. Der Lehrer müsse die Sprache altersgerecht vermitteln. Dazu gehört, dass sich Lerninhalte an der Lebenswelt und den Interessen des Kindes orientieren. Vor allem ist entscheidend, wie intensiv sich die Kinder mit der Sprache auseinandersetzen. Dazu gehört zum Beispiel die Anzahl der Wochenstunden, in der sich Schüler mit der Sprache beschäftigen. «Hilfreich könnte es sein, verschiedene Fächer wie Mathematik oder Sachunterricht in der neuen Fremdsprache zu unterrichten», so Berthele. Dadurch würden Schüler zwar nicht automatisch gut schreiben oder sprechen, aber zumindest die Sprache besser verstehen.  

Immersion: effizient Fremdsprachen lernen

Die Anzahl Stunden mit der zu lernenden Fremdsprache zu erhöhen gehört zum sogenannten Immersionslernen. Immersion ist das «Eintauchen» in eine Sprache. Die lernende Person wird in ein fremdsprachiges Umfeld versetzt: Dabei wird die Fremdsprache konsequent im Unterricht verwendet, also auch.wenn der Lehrer zum Beispiel einen Streit schlichten muss. Statt Dinge zu übersetzen, erklärt er Aufgaben in der Fremdsprache und unterstützt es durch Mimik, Gestik oder Bilder. Kinder sollen die Sprache quasi nebenbei erwerben und sich eigenständig Stück für Stück erschliessen. Dies ist die kindgerechteste Art, eine Fremdsprache zu lernen, weil sie dem natürlichen Spracherwerb nachempfunden ist und für das Kind authentisch und wichtig erscheint. Dabei spricht nach dem Prinzip «Eine Person – eine Sprache» ein Lehrender nur Deutsch und der andere nur Englisch oder Französisch. In Kanada, Australien und Finnland wird das Immersionslernen erfolgreich angewandt. Es beginnt schon früh, möglichst im Alter von drei Jahren, also meistens bereits in den Kindertagesstätten und während der gesamten Primarschulzeit. «Kinder wären durchaus fähig, in der Schule eine Fremdsprache zu erlernen, jedoch nur unter entwicklungsgerechten Bedingungen», plädiert Largo.

Englisch und Frühfranzösisch: Eine Fremdsprache zuviel?

Viele Lehrer und Bildungspolitiker in der Schweiz sind vom eingeführten Fremdsprachenunterricht in der Primarschule enttäuscht. Kinder seien mit dem Erlernen zweier Fremdsprachen überfordert und sollten entweder Frühfranzösisch oder Englisch lernen. «Es gibt keine Studien dazu, wie viele Fremdsprachen ein Kind in der Schule erfolgreich lernen kann. Das ist wohl eher eine politische Frage» meint Prof. Dr. Raphael Berthele von der Uni Freiburg. Auch für Largo scheint es weniger eine Frage der Anzahl der Sprachen zu sein als eine Frage der Unterrichtsqualität. Würde man in den Schweizer Primarschulen die Kriterien für erfolgreichen Sprachunterricht berücksichtigen, wäre es eher möglich, Frühfranzösisch und Englisch gleichermassen zu erlernen.

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