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Weshalb die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium ungerecht ist

Jedes Jahr im März schlafen etliche Schüler und Eltern in Zürich schlechter. Denn die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium macht Stress. Warum sie umstritten ist – und welche Schüler sie für gewöhnlich bestehen.

Die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium gilt als umstritten.

Manche Schüler haben höhere Chancen, die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium zu bestehen als andere. Foto: Cglade, iStock, Getty Images Plus

Die schriftlichen Prüfungen für die Aufnahme ans Gymnasium im Kanton Zürich stehen seit Jahren in der Kritik. Das ist kein Wunder, denn die Quote der Schüler, die durchfällt, ist hoch. «In den letzten Jahren haben sich rund 8’000 Schülerinnen und Schüler für die Zentrale Aufnahmeprüfung (ZAP) angemeldet; ungefähr die Hälfte hat bestanden», berichtet Niklaus Schatzmann, Leiter des Mittelschul- und Bildungsamtes, Bildungsdirektion im Kanton Zürich.

Die genauen Zahlen: Von 4’109 Schülern, die zur ZAP für das Langgymnasium antraten, fielen 48,4 Prozent durch. Die ZAP für das Kurzzeitgymnasium schafften sogar 59,4 Prozent nicht. Kein Wunder, dass Kinder unter hohem Druck stehen. Und nicht nur das: Wenn Kinder die Erwartungen und Hoffnungen ihrer Eltern nicht erfüllen können, bekommt ihr Selbstvertrauen schnell tiefe Risse.

Bildung der Eltern entscheidet mit

«Der Hauptvorteil einer ZAP liegt darin, dass allein die gezeigten Leistungen über die Aufnahme ans Gymnasium entscheiden. Alle Schülerinnen und Schüler müssen dieselbe Aufnahmeprüfung absolvieren; dies sorgt für Chancengleichheit», argumentiert Niklaus Schatzmann. Doch er sagt auch: «Untersuchungen haben gezeigt, dass die gezeigte Leistung mit dem sozioökonomischen Umfeld der Schülerinnen und Schüler einen statistischen Zusammenhang aufweist. Tendenziell bestehen mehr Schülerinnen und Schüler mit sozioökonomisch vorteilhaftem Umfeld die Prüfung.»

Ob ein Kind die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium schafft oder nicht, geben also nicht nur Auffassungsgabe, Konzentration, Selbstorganisation und Selbstvertrauen und letztendlich auch das Wissen vor. Eine besondere Rolle spielt das Elternhaus. Es sind die Kinder aus Elternhäusern mit Bildung, die die Prüfung am ehesten schaffen. Denn sozial stabile und gebildete Eltern wollen und können ihre Kinder am besten unterstützen.

Nachhilfe für die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium

Genau diese Eltern können sich auch eher teure Vorbereitungskurse und Nachhilfe leisten. «Es ist erwiesen, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit für die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium bei gleicher Intelligenz und gleichen schulischen Leistungen durch die Prüfungsvorbereitungskurse um neun Prozent gesteigert werden kann», schreibt die Kommission für Bildung und Kultur des Kantonsrats in einem Bericht. Und in einem Bericht zu den Pisa-Erhebungen aus dem Jahr 2014, erstellt von der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, ist zu lesen, dass selbst bei hohen fachlichen Kompetenzen Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten nur eine geringe Chance hätten, ein Gymnasium zu besuchen.

Es ist anzunehmen, dass viele von ihnen erst gar nicht an den Tests teilnehmen, auch dann, wenn sie das Gymnasium schaffen könnten. Für die Gesellschaft hat das Auswirkungen. Wenn die schulische Laufbahn vieler Kinder früh abgewürgt wird, erhält sie weniger junge Arbeitskräfte, die verantwortungsvolle Posten übernehmen könnten.

Future Kids für mehr Chancengleichheit

Das  Zürcher Projekt «Future Kids» richtet sich an Schüler, die zu Hause in schulischen Belangen wenig Unterstützung erhalten und deren Erfolgschancen im Schulsystem deshalb gering sind. Sie werden von ihren Lehrpersonen für Future Kids vorgeschlagen. Sind die Eltern einverstanden, werden sie von Studenten gefördert, die ihnen pro Woche ein Mal eine bis eineinhalb Stunden beim Lernen helfen. Kostenlos.

Es geht auch ohne Prüfung

Es geht auch ohne Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. Das machen Kantone in der Innerschweiz wie Zug, Luzern, Schwyz, Uri, Nidwalden oder Obwalden vor. Sie bauen nicht auf einen punktuellen Test, sondern auf die Noten aus den letzten Jahren und die Einschätzungen der Pädagogen, die das Kind seit Jahren begleiten. So entscheiden auch die Motivation und das Leistungsvermögen, ob das Kind zum Gymnasium geht – oder nicht.

Und wie geht es weiter?

Die Schüler im Kanton Zürich müssen aber wohl auch in naher Zukunft durch die Zentrale Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium. «Der Kantonsrat hat sich vor wenigen Jahren für die Beibehaltung der ZAP ausgesprochen», sagt Niklaus Schatzmann. Der Zürcher Kantonsrat lehnte 2016 auch flächendeckende und kostenlose Prüfungs-Vorbereitungskurse ab. Eine Besserung ist allerdings in Sicht: Der Kantonsrat hat der Regierung den Auftrag gegeben, künftig auch an den Kurzgymnasien die Vorleistungen wieder mit zu berücksichtigen – und damit nicht nur auf die Tagesform zu setzen.

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