Leben > Krisen & HilfeFlüchtlingskinder: So kannst du helfen Sigrid Schulze Immer mehr Menschen flüchten weltweit vor Verfolgung, Hunger und Krieg. Bilder von Kindern, die während der Flucht ums Leben kommen, lösen Entsetzen und Hilflosigkeit aus. Viele Flüchtlingskinder, die in der Schweiz ankommen, haben Belastendes erlebt oder sind davon betroffen. Die gute Nachricht: Du kannst helfen – wirksam, respektvoll und traumasensibel. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Viele syrische Flüchtlingskinder sind im Libanon. Foto: Sam Tarling, Caritas Schweiz Flüchtlingskinder, die in der Schweiz ankommen, haben oft eine lange Kette von Belastungen hinter sich: Angst um Angehörige, Gewalt und Flucht, Trennungserfahrungen, unsichere Unterkünfte, fehlende medizinische Versorgung und wiederholte Ortswechsel. Manche Kinder wirken nach aussen «unauffällig», sind innerlich aber dauerhaft angespannt. Andere zeigen sehr deutlich, dass ihr Stresssystem überlastet ist. Für Eltern und Bezugspersonen in der Schweiz ist es hilfreich zu wissen: Viele Reaktionen sind verständliche Antworten auf Ungewöhnliches – und gleichzeitig gibt es Warnzeichen, bei denen professionelle Hilfe wichtig ist. Aktuelle Lage in der Schweiz: Zahlen einordnen statt spekulieren Die Situation verändert sich laufend. Verlässliche, aktuelle Zahlen zu Asylgesuchen, Herkunftsländern und Unterbringung veröffentlicht das Staatssekretariat für Migration (SEM) in seinen Asylstatistiken – mit laufend aktualisiertem Stand-Datum. Wenn du dich engagieren möchtest, lohnt sich ein Blick auf diese Daten: Sie helfen einzuschätzen, wo Kapazitäten knapp sind (zum Beispiel bei Unterkünften, Schulplätzen oder psychosozialer Versorgung) und welche Angebote vor Ort besonders gebraucht werden. Belastungen & Reaktionen bei Kindern: Was ist typisch – und was sind Red Flags? Kinder reagieren auf extreme Belastungen je nach Alter, Temperament, bisherigen Erfahrungen und aktueller Unterstützung sehr unterschiedlich. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind nach belastenden Ereignissen unter anderem folgende Reaktionen häufig: Körperliche Stresszeichen: Bauch- oder Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Albträume, Appetitveränderungen, starke Schreckhaftigkeit. Emotionale Reaktionen: Traurigkeit, Angst, Reizbarkeit, Wut, Rückzug, häufiges Weinen. Verhalten: Konzentrationsprobleme, Unruhe, Regression (zum Beispiel wieder einnässen, Klammern), aggressives Verhalten, Spiel, das Erlebtes wiederholt. Bindung und Vertrauen: grosses Misstrauen, starke Trennungsangst oder im Gegenteil auffällige Distanz. Red Flags (Warnzeichen) sind nicht «schlechtes Benehmen», sondern Hinweise auf Überforderung oder psychische Not. Hol dir Unterstützung, wenn du bei einem Kind über mehrere Wochen deutliche Symptome beobachtest oder wenn es akut gefährlich wird. Alarmzeichen sind zum Beispiel: anhaltende Selbstverletzung, Suizidgedanken, massive Schlaflosigkeit, starke Dissoziation («wie weggetreten»), extreme Aggression, Verdacht auf Gewalt oder Missbrauch, oder wenn ein Kind im Alltag kaum noch funktional ist. In solchen Situationen sind Kinderärzt:in, Hausärzt:in, schulpsychologischer Dienst oder kantonale Krisenangebote die richtigen Anlaufstellen. So hilfst du konkret: wirksam, planbar, verlässlich Gute Hilfe ist nicht nur gut gemeint, sondern auch gut organisiert. Am hilfreichsten ist Unterstützung, die verlässlich, koordiniert und an den tatsächlichen Bedarf angepasst ist. 1) Zeit schenken: begleitet statt «retten» Viele Familien profitieren von stabilen Kontakten: gemeinsam spielen, Deutsch üben, einen Spielplatz zeigen, bei Formularen unterstützen oder den Weg zur Schule erklären. Oft ist weniger «Programm» nötig als ein ruhiger, freundlicher Kontakt, der nicht drängt. 2) Spenden: Geld ist meist effizienter als Sachspenden Wenn du finanziell helfen kannst, ist eine Spende an eine etablierte Organisation häufig am wirksamsten, weil sie bedarfsgerecht einkaufen und logistisch planen kann. Spenden an lokale Strukturen (zum Beispiel für Freizeitangebote oder Sprachkurse) können besonders direkt wirken. 3) Sachspenden: nur nach Rücksprache Hilfsorganisationen nehmen Kleidung und Spielzeug entgegen. Sollten in einigen Städten die Kleiderkammern derzeit bereits voll sein, ist es sinnvoll, die Sachen aufzubewahren. Denn bald brauchen die Hilfsorganisationen neuen Nachschub. Ein effizienter Weg, Kindern aus Flüchtlingsfamilien zu helfen, besteht darin, einer Hilfsorganisation Geld zu spenden. Wer gezielt Kinder unterstützen will, kann sich unter anderem an die Verbände Plan Schweiz, Unicef Schweiz oder die Stiftung SOS-Kinderdorf Schweiz wenden. Kontakt zu geflüchteten Familien: praktische Hilfe – und klare Grenzen Wenn du Geflüchtete in deiner Gemeinde unterstützen möchtest, frag am besten bei deiner Gemeinde- oder Stadtverwaltung nach, wie du vor Ort Flüchtlingskinder sinnvoll unterstützen kannst. Auch Schulen, Quartiervereine und lokale Freiwilligennetzwerke wissen oft, was konkret gebraucht wird. Hilfreiche Angebote sind zum Beispiel: Alltagshilfe: Begleitung zu Terminen (nur wenn ausdrücklich gewünscht), ÖV erklären, Einkaufsmöglichkeiten zeigen. Lernen & Struktur: Hausaufgabenhilfe, einfache Sprachspiele, Vorlesen, gemeinsam Bibliothek nutzen. Freizeit & Zugehörigkeit: Mit Freunden einmal pro Woche ein Spielangebot wie Seilspringen, Luftballon- oder Hüpfspiele in einer Unterkunft oder im Park. Vereinsleben: Vereine können auf Flüchtlingsfamilien zugehen und sie mit ihren Kindern miteinzubeziehen. Wichtig: Respektiere Privatsphäre und Datenschutz. Frag nach, bevor du Fotos machst oder Informationen teilst. Vermeide «Ausfragen» zu Fluchtgründen oder Gewalt. Viele Familien erleben es als entlastend, wenn sie nicht immer wieder erzählen müssen. Traumasensibel handeln: Do/Don’ts im Alltag Traumasensibel heisst nicht, dass du Therapeut:in sein musst. Es heisst: Du gestaltest Kontakt so, dass er Sicherheit, Würde und Kontrolle fördert. Das entspricht auch Empfehlungen der Schweizer Gesundheitsinformation migesplus (Schweizerisches Rotes Kreuz, 2020, «Psychische Gesundheit von Migrantinnen und Migranten – Informationen und Tipps»). Do Vorhersehbar sein: Abmachen, wann du kommst – und dann zuverlässig sein. Wahlmöglichkeiten geben: «Möchtest du spielen oder lieber malen?» statt «Komm, wir machen jetzt …» Ressourcen stärken: Was kann das Kind gut? Was hat der Familie geholfen, durchzuhalten? Einfach und klar sprechen: kurze Sätze, Zeit lassen, Gesten nutzen. Bei Stress beruhigen: ruhige Stimme, Abstand respektieren, kurze Pausen, Wasser anbieten. Don’ts Nicht drängen: keine Details zur Flucht verlangen, keine «Geständnisse» erzwingen. Keine Versprechen, die du nicht halten kannst: etwa zu Aufenthaltsstatus oder Wohnsituation. Nicht bewerten: weder Verhalten («unhöflich») noch Erziehung («die Eltern kümmern sich nicht») vorschnell beurteilen – oft steckt Überlastung dahinter. Nicht allein handeln, wenn es ernst ist: bei Verdacht auf Gewalt/Traumatisierung professionelle Stellen einbeziehen. Caritative Organisationen vermitteln Mentoren, die zum «Wahlgotti», zum «Wahlgötti» oder zu «Wahlgrosseltern» für ein fremdsprachiges Kind werden. Als solche schenkst du Aufmerksamkeit, Zeit und bereitest ein schönes Freizeitprogramm vor. Ansprechpartner sind unter anderem das Schweizerische Rote Kreuz , die Caritas und der Verein MUNTERwegs. Mit eigenen Kindern sprechen: altersgerecht, ehrlich, handlungsfähig Viele Eltern fragen sich: «Wie erkläre ich meinem Kind Krieg und Flucht, ohne es zu überfordern?» Orientierung geben Empfehlungen zur Krisenkommunikation mit Kindern, wie sie auch von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA zusammengefasst werden: Es geht um Sicherheit, Klarheit und Selbstwirksamkeit. Unter 6 Jahren: kurz, konkret und beruhigend. «Es gibt Krieg in einem anderen Land. Hier sind wir sicher. Wir helfen, wo wir können.» 6–10 Jahre: Fragen aufnehmen, Fakten dosieren. Gemeinsam überlegen: «Was können wir tun?» (zum Beispiel Spielzeug sortieren, eine Karte malen, spenden). Ab 10 Jahren: mehr Kontext, aber Quellen prüfen, über Propaganda und Gerüchte sprechen. Gefühle ernst nehmen und über Werte (Solidarität, Menschenwürde) reden. Medienkonsum begrenzen: Wiederholte Schreckbilder belasten Kinder stark. Wenn dein Kind Bilder gesehen hat, hilf beim Einordnen: «Das ist eine Aufnahme aus den Nachrichten. Es ist schlimm, aber es passiert nicht hier bei uns.» Schule & Integration: was Kinder wirklich brauchen Schule ist für viele geflüchtete Kinder ein wichtiger Stabilitätsanker: Struktur, Kontakte, Sprache, Normalität. Gleichzeitig können Belastungen Lernen erschweren. Hilfreich ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrer:in, Schulleitung und (wo vorhanden) schulpsychologischem Dienst. Praxisnah sind: Sprachförderung und Geduld: Sprache braucht Zeit; nicht jedes stille Kind ist «unmotiviert». Beziehungsarbeit: eine feste Bezugsperson in der Schule kann Sicherheit geben. Anti-Diskriminierung: klare Haltung gegen Mobbing und Rassismus, früh reagieren, Klassenregeln besprechen. Traumasensibler Unterricht: Trigger vermeiden (zum Beispiel laute Knalle ohne Vorwarnung), Übergänge ankündigen, Rückzugsoptionen ermöglichen. Wenn du dich engagierst, kannst du auch hier unterstützen: Lesepatenschaften, Begleitung in Bibliotheken, Freizeitangebote nach der Schule oder Austausch mit Familien über das Schweizer Schulsystem – immer in Absprache mit Schule und Eltern. Gartenprojekt bringt Menschen zusammen Freiwillige Helfer sucht das Projekt «HEKS Neue Gärten» in den Kantonen Aargau, Basel, Basel-Landschaft, Bern, St. Gallen, Solothurn und Zürich. Zusammen mit Gartenfachpersonen hilfst du Flüchtlingsfrauen und ihren Kinder an einem halben Tag pro Woche bei biologischer Gartenarbeit. Dafür hat der Verein Parzellen innerhalb von Stadtgärten gepachtet. «In den «Neuen Gärten» haben die Frauen und ihre Familien die Möglichkeit, im Freien einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Sie können Gemüse, Kräuter und Beeren anbauen, sich Kenntnisse über den biologischen Anbau und das Kompostieren aneignen und dabei auch Deutsch lernen und mit Gartennachbarn in Kontakt kommen», informiert das Hilfswerk der evangelischen Kirchen. Auch die Kinder profitieren davon. Sie freuen sich, in den Gärten Platz zum Spielen zu finden. Weitere Informationen findest du hier. Anlaufstellen in der Schweiz Staatssekretariat für Migration (SEM): offizielle Informationen und Asylstatistiken Schweizerisches Rotes Kreuz (SRK): Integrationsangebote und Freiwilligenarbeit: Schweizerische Rote Kreuz Caritas: Projekte, Beratung und Engagementmöglichkeiten: Caritas migesplus (SRK): Gesundheitsinformationen in vielen Sprachen und praktische Materialien zur Unterstützung von Migrant:innen und Geflüchteten. Kantonale Stellen: Sozialdienste, schulpsychologische Dienste, Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste sowie Opferhilfe – je nach Kanton unterschiedlich organisiert.