Leben > Krisen & HilfeWie werden unsere Kinder nicht zu Rassisten? Jasmine Helbling Babys und Kleinkinder haben noch keine festen Feindbilder. Trotzdem nehmen Kinder Unterschiede früh wahr – und lernen sehr schnell, was in ihrer Umgebung als «normal», «besser» oder «schlechter» gilt. Dieser Artikel zeigt dir, wann Vorurteile entstehen können, warum «farbenblind sein» nicht hilft und was du im Alltag (offline und online) konkret tun kannst – in der Familie, im Kindergarten und in der Schule in der Schweiz. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Alle anders, alle gleich? Kinder neigen zu radikalen Verhaltensweisen. Wie können Eltern sie vor Rassismus schützen? Foto: iStock, Thinkstock Anfang des vergangenen Jahrhunderts stellte sich der Schweizer Psychologe Jean Piaget die Frage, ob Rassismus seinen Ursprung bereits im Kleinkindalter habe. Mit verschiedenen Tests konnte er nachweisen, dass Kinder unter vier Jahren Unterschiede zwar wahrnehmen, sie jedoch nicht bewerten. Das ändert sich, sobald Kinder vermehrt Kontakte mit Gleichaltrigen knüpfen und beginnen, Differenzen als positiv oder negativ einzustufen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der «Doll Test» der Wissenschaftler Kenneth und Mamie Clark: Sie präsentierten dunkelhäutigen amerikanischen Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren zwei Puppen, die sich nur in ihrer Hautfarbe unterschieden. Als die Wissenschaftler die Kinder fragten, welche Puppe sie lieber mögen, entschied sich die Mehrheit der Kinder für die weisse Puppe. Schon in solch jungem Alter ist Kindern laut einer Befragung klar, dass dunkle Haut mit niedrigem Status verbunden werden kann. Die Forschung ist sich heute breit einig: Rassismus ist nicht naturgegeben. Kinder erwerben Vorurteile und diskriminierende Muster über Sprache, Beobachtung, Medien und die Regeln, die in ihrer Umgebung gelten. Unterschiede wie Hautfarbe, Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung oder Geschlecht sind nicht «das Problem» – entscheidend sind gesellschaftliche Wertungen und Machtverhältnisse, die Kinder (oft unbemerkt) mitlernen. Wichtig für dich als Elternteil: Das bedeutet auch, dass du Einfluss hast. Nicht mit Perfektion, sondern mit wiederholten, klaren Signalen im Alltag. Warum Kinder früh über Unterschiede sprechen Viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind «keine Unterschiede macht». In der Praxis funktioniert das selten – und kann sogar nach hinten losgehen. Kinder sehen Unterschiede (Hautfarbe, Sprache, Kleidung, Körpermerkmale) und suchen Erklärungen. Wenn Erwachsene dann aus Unsicherheit ausweichen («Darüber reden wir nicht»), bleibt das Kind mit seinen Deutungen allein – oder orientiert sich an dem, was andere Kinder, Social Media oder Stammtischsätze vorgeben. Hilfreicher ist eine ruhige, sachliche Haltung: Unterschiede benennen, ohne sie zu bewerten. Du kannst zum Beispiel sagen: «Ja, sie hat eine dunklere Haut als wir. Hautfarben sind verschieden – so wie Augenfarben.» Und dann den Fokus auf das Gemeinsame lenken: «Alle Menschen verdienen Respekt.» Abgrenzung und Rassismus: Von der Angst, alleine zu sein Ute Benz, Psychoanalytikerin für Kinder und Jugendliche, kommt an der Tagung «Immer Ärger mit den Fremden – Taugliche Mittel gegen Rassismus» zum Schluss, dass Kinder vor allem im Einschulungsalter gefährdet sind, rassistische Denkweisen zu übernehmen. Werden Jungen und Mädchen eingeschult, erweitert sich ihr Bekanntenkreis, der bisher nur aus den Eltern, Verwandten und wenigen weiteren Bezugspersonen bestand. Nun muss das Kind Freunde finden, mit denen es den Alltag in und ausserhalb der Schule bestreitet. «Kinder haben Angst davor, alleine zu sein und würden beinahe alles dafür tun, Freunde zu finden», erklärt die Psychoanalytikerin. Eine Freundschaft gründet auf Gemeinsamkeiten und diese bestehen unter anderem eben auch im Verbund gegen Dritte. Zur Veranschaulichung präsentierte sie folgendes Beispiel aus der teilnehmenden Beobachtung: Peter und Paul freunden sich in der Schule an und treffen sich nach dem Unterricht zum Spielen. Im Zimmer liegt eine Matratze, weshalb einer der Jungen bald auf die Idee kommt, sie als Schiff zu benutzen und Kapitän zu spielen. Leider können sie sich nicht einigen, wer denn nun der Kapitän sei und geraten in einen Streit. Dieser läuft derart aus dem Ruder, dass Paul seinen Freund am liebsten nach Hause schicken würde – wäre da nicht gerade die kleine Schwester ins Zimmer gestolpert. Eigentlich darf diese sonst nie mitspielen, doch für die Rolle der bösen Räuberin passt sie perfekt. Als Polizisten verbünden sich die Jungen wieder und jagen das Mädchen so lange, bis sich dieses geschlagen gibt und fesseln lässt. Auch als es schon längst nicht mehr mitspielen will und weinend nach der Mutter schreit, fühlen sich die Jungen als Team überlegen und stecken das Ausschimpfen der Eltern tapfer ein. Eine typische Szene aus dem Alltag, die vielen Familien bekannt vorkommt. Kinder ringen häufig mit zwei gleichzeitig auftretenden Wünschen: dem Wunsch nach Gleichheit (dazugehören) und dem Wunsch nach Überordnung (bestimmen, Kontrolle haben). Wenn sie dafür ein «Wir gegen sie» bauen, ist das nicht automatisch Rassismus – aber es ist ein Risiko-Muster, das sich später auch gegen Gruppen richten kann (zum Beispiel wegen Hautfarbe, Sprache, Religion, Herkunft oder sozialem Status). Du kannst hier früh gegensteuern, ohne zu beschämen: Grenzen setzen, die Perspektive der ausgeschlossenen Person stärken und Alternativen anbieten. Zum Beispiel: «Stop. In unserem Zuhause wird niemand gejagt oder fertiggemacht. Wenn ihr ein Team sein wollt, findet ein Spiel, bei dem alle freiwillig mitmachen können.» Auf der Suche nach Seinesgleichen will ein Kind Konflikte so schnell wie möglich aus dem Weg schaffen; koste es, was es wolle. Ob Kinder die Schmerzensgrenzen von anderen respektieren oder überschreiten, hängt stark davon ab, wie sie selbst Respekt, Zuwendung und Grenzen erleben. Wenn Kinder zu Hause erleben, dass Gefühle benannt werden dürfen und Konflikte fair gelöst werden, lernen sie eher Mitgefühl und Selbstkontrolle. Wenn sie gewohnt sind, dass Abwertung, Spott oder härteste Dominanz «gewinnt», nutzen sie solche Muster eher auch ausserhalb. Dazu kommt: Kinder sind anfällig für Botschaften aus Medien und Online-Inhalten. Deshalb lohnt es sich, nicht nur das Verhalten auf dem Pausenplatz, sondern auch das digitale Umfeld (Chats, Videos, Games, Memes) aktiv zu begleiten. Medien bestimmen unser Bild vom Fremden Ist dir schon einmal aufgefallen, wie selten People of Color in Schweizer oder deutschsprachigen Formaten als selbstverständliche Hauptfiguren vorkommen – und wie oft Rollen klischeehaft besetzt sind? Kinder lernen daraus, wer «wichtig», «lustig», «gefährlich» oder «kompetent» wirkt. Dazu kommen Algorithmen, die polarisierende Inhalte besonders oft ausspielen, sowie Trends, die mit Abwertung arbeiten. Hilfreich ist, wenn du Medien nicht nur «erlaubst oder verbietest», sondern gemeinsam einordnest: «Warum sind in dieser Serie fast alle Held:innen weiss?», «Wie fühlt sich das an, wenn jemand wegen seiner Sprache lächerlich gemacht wird?», «Was will dieses Video erreichen – informieren oder provozieren?» Gerade jüngere Kinder können Fiktion und Realität noch nicht sauber trennen; sie brauchen deine Einordnung und klare Werte. Was Eltern konkret tun könne Vorbeugung bedeutet nicht, dass dein Kind nie etwas Unpassendes sagt. Entscheidend ist, was dann passiert: Wird es ignoriert, verstärkt oder in eine Lernchance verwandelt? Diese Bausteine helfen im Familienalltag: Unterschiede sachlich benennen: Kinder brauchen Worte. Du kannst Hautfarbe, Sprache oder Herkunft neutral beschreiben, ohne daraus eine Wertung zu machen. Klare Familienregel: «In unserer Familie behandeln wir Menschen respektvoll. Wir lachen niemanden wegen Hautfarbe, Name, Sprache, Religion, Körper oder Behinderung aus.» Empathie trainieren: Frage: «Wie würdest du dich fühlen, wenn das jemand zu dir sagt?» Das wirkt besser als lange Vorträge. Kontakt ermöglichen: Gemeinsame Aktivitäten in Quartier, Verein, Musikschule oder Sport helfen, wenn sie gleichwertig sind und echte Zusammenarbeit ermöglichen. Konflikte begleiten statt übergehen: Du musst nicht jedes «Wir spielen nicht mit dir» sofort lösen – aber du kannst hinschauen und Werte klar machen. Wissen statt Mythen: Wenn Kinder Fragen zu Flucht, Religion oder Politik haben: Lieber kurz, ehrlich und altersgerecht antworten als ausweichen. Vorbild sein: Sprache, Witze, «Stammtischsätze» Kinder hören zu – auch wenn wir denken, sie seien mit etwas anderem beschäftigt. Abwertende Sprüche über «die Ausländer», «die Muslime», «die Roma», «die Schwarzen» oder «die Ukrainischen» prägen sich ein, genauso wie abfällige Witze oder das Nachsprechen von Akzenten. Wenn du selbst unsicher bist, hilft eine einfache Leitlinie: Sprich über Verhalten statt über Gruppen. Und wenn im Umfeld (Familie, Verein, Elternchat) diskriminierende Sätze fallen, kann ein kurzer, ruhiger Widerspruch viel bewirken. Mögliche Formulierungen, die deeskalieren und trotzdem klar sind: «Ich möchte nicht, dass wir so über Menschen sprechen.» «Das ist ein Vorurteil. Lass uns bei dem bleiben, was wir wirklich wissen.» «Solche Witze gehen auf Kosten anderer. Das ist nicht ok.» So reagierst du auf rassistische Sprüche – nach Alter 2–5 Jahre: Neugier & Körpermerkmale In diesem Alter sind viele Aussagen neugierig und direkt: «Warum ist er schwarz?» oder «Warum spricht sie komisch?» Dein Ziel: ruhig bleiben, sachlich antworten, Werte mitgeben. Wenn dein Kind laut zeigt oder starrt: «Du darfst schauen, aber wir starren Menschen nicht an.» Wenn es nach Hautfarbe fragt: «Menschen haben unterschiedliche Hautfarben. Das kommt von Melanin in der Haut. Alle Hautfarben sind normal.» Wenn es ein abwertendes Wort benutzt: «Stop. Dieses Wort verletzt. Wir sagen das nicht. Wenn du über die Hautfarbe sprechen willst, kannst du sagen: hell, dunkel oder braun – ohne zu lachen.» 6–10 Jahre: Gruppendruck, «Wir gegen die» Jetzt geht es oft um Zugehörigkeit, Regeln und Rang. Kinder können bereits verstehen, dass Worte ausschliessen und Macht ausüben. Wenn dein Kind andere ausschliesst: «Du entscheidest, mit wem du spielen willst. Aber niemand wird wegen Hautfarbe, Sprache oder Herkunft ausgeschlossen. Das ist unfair.» Wenn es ein Klischee wiederholt: «Woher hast du das? Lass uns prüfen, ob das wirklich stimmt. Einzelne Menschen sind nie ‘alle so’.» Wenn die Klasse betroffen ist: Mit der Klassenlehrperson sprechen, Schulsozialarbeit einbeziehen, konkrete Situationen schildern (wer, was, wann), statt nur «es gibt Rassismus». 11+ Jahre: Social Media, Hassrede, politische Inhalte Jugendliche begegnen Rassismus oft digital: in Gruppenchats, Kommentarspalten, Memes, Videos oder Games. Gleichzeitig werden politische Inhalte emotionaler, und Algorithmen können in radikale Milieus führen. Hier hilft Kontrolle allein selten – Beziehung und Medienkompetenz wirken besser. Gespräche ohne Verhör: «Welche Videos gehen gerade rum? Was nervt dich daran? Was findest du überzeugend – und warum?» Hassrede einordnen: Erkläre, dass entmenschlichende Sprache und Aufrufe zu Gewalt Grenzen überschreiten – auch «ironisch» oder als Meme. Konkrete Online-Regeln: Keine Weiterleitung von abwertenden Inhalten, Screenshots machen, melden/blockieren, in Gruppen klar widersprechen oder verlassen. Wenn dein Kind postet: Nicht nur bestrafen. Kläre: Wirkung, Verantwortung, mögliche Folgen für Betroffene und für das Kind selbst (Schule, Lehrbetrieb, Strafbarkeit je nach Inhalt). Wenn dein Kind betroffen ist: stärken, dokumentieren, Schule einbeziehen Wenn dein Kind rassistische Abwertung erlebt, ist das für viele Familien ein Schock – und für Kinder oft beschämend. Wichtig ist, dass du die Erfahrung ernst nimmst und deinem Kind glaubst. Stärken: «Es ist nicht deine Schuld.» «Du hast das Recht, respektvoll behandelt zu werden.» Worte geben: Übe kurze Sätze: «Hör auf.» «Das ist rassistisch.» «Sprich mich nicht so an.» Dokumentieren: Datum, Ort, Beteiligte, Wortlaut. Bei Online-Vorfällen Screenshots sichern. Schule einbeziehen: Klassenlehrperson, Schulleitung, Schulsozialarbeit. Frage nach konkreten Schutzmassnahmen (Aufsicht, Sitzordnung, Klassenregeln, Intervention, Elternkontakt). Unterstützung holen: Wenn dein Kind Schlafprobleme, Angst, Bauchweh, Rückzug oder Schulvermeidung zeigt, kann eine kinder- und jugendpsychologische Abklärung hilfreich sein. Rassismus bei Kindern vorbeugen: Was können Eltern tun? Bei der Auswertung von 113 Studien weltweit kamen der Jenaer Forscher Andreas Beelmann und sein Team zum Ergebnis, dass Präventionsprogramme bereits im Vorschul- und Grundschulalter ansetzen sollten. In dieser Zeit nehmen Kinder ab fünf Jahren vermehrt Unterschiede zwischen sich selbst und ihren Kameraden wahr. Diese Unterschiede werden mit dem Einfluss von Freundeskreis und Familie eingeordnet und gewertet. Vor allem fremde Traditionen und Verhaltensweisen werden von Menschen oft als bedrohlich eingestuft, da diese vom eigenen Wesen abweichen. Dass Jungen und Mädchen im Alter von drei bis vier Jahren das eigene Geschlecht oder die eigene Nationalität bevorzugen, ist laut Andreas Beelmann ganz normal. Vorsicht ist erst geboten, «wenn die positivere Bewertung der eigenen sozialen Gruppe, die im Laufe der Identitätsbildung ganz automatisch einsetzt, irgendwann in Vorurteile, Benachteiligung und Diskriminierung anderer umschlägt». Eltern und Lehrer:innen können Rassismus vorbeugen, indem sie Kinder schon früh mit Fremdem bekannt machen. Erwachsene können und sollten kindliche Konflikte nicht unterbinden, diese aber beobachten und Fremdenfeindlichkeit in keinster Weise unterstützen. Schon früh sollten sie Kindern helfen, eine humane Werteorientierung aufzubauen, die Respekt gegenüber anderen Menschen vermittelt. Kinder, die sich mit all ihren Schwächen akzeptiert fühlen, werden auch Schwächen anderer akzeptieren. Schweiz: Hilfe und Beratung Hilfe in der Schweiz Beratung und Unterstützung bei Rassismus: Beratungsnetz für Rassismusopfer (Koordination u. a. über die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR; Informationen und Anlaufstellen auch via humanrights.ch). In der Schule: Klassenlehrperson, Schulleitung, Schulsozialarbeit (falls vorhanden). Bitte um schriftliche Vereinbarungen zu Schutz und Vorgehen. Bei akuter Bedrohung oder Gewalt: Polizei über die Notrufnummer 117. FAQ und Formulierungshilfen «Mein Kind hat etwas Rassistisches gesagt – ist es jetzt rassistisch?» Ein einzelner Spruch bedeutet nicht, dass dein Kind «rassistisch ist». Kinder probieren Sprache aus, wiederholen Gehörtes und testen Grenzen. Entscheidend ist, dass du klar reagierst: Verhalten stoppen, Wirkung benennen, Alternative geben und später in Ruhe nachfragen, woher es die Aussage hat. Wie reagiere ich, ohne mein Kind zu beschämen? Trenne Person und Verhalten: «Ich hab dich lieb, und genau deshalb setze ich hier eine Grenze: So reden wir nicht über Menschen.» Danach kurz, konkret, handlungsorientiert bleiben. Was sage ich, wenn andere Eltern diskriminierende Sprüche machen? Wenn du dich sicher fühlst, hilft ein kurzer Satz in ruhigem Ton: «Ich sehe das anders.» oder «Bitte ohne Abwertung.» Wenn die Situation kippt: Thema wechseln, Abstand nehmen, später im kleineren Rahmen ansprechen. Wie spreche ich mit meinem Kind über Hassrede im Internet? Frag erst nach, was es gesehen hat und wie es das einordnet. Dann kläre: Hassrede soll verletzen und Gruppen entmenschlichen. Vereinbare konkrete Schritte: nicht weiterleiten, melden, blockieren, Beweise sichern und dich als Bezugsperson dazuholen.