Wie werden unsere Kinder nicht zu Rassisten?

Babys und Kleinkinder besitzen noch keine Feindbilder, darin sind sich Forscher einig. Doch wann entsteht der Wille, andere auszugrenzen und wie können Eltern kindlichem Rassismus vorbeugen? Steckt die Veranlagung zur Diskriminierung in uns allen? Auf der Suche nach Antworten nahm Familienleben an der Tagung «Immer Ärger mit den Fremden» teil.

Rassismus macht vor Kindern keinen Halt

Kinder neigen zu radikalen Verhaltensweisen. Wie können Eltern sie vor Rassismus schützen? Foto: iStock, Thinkstock

Anfang des vergangenen Jahrhunderts stellte sich der Schweizer Psychologe Jean Piaget die Frage, ob Rassismus seinen Ursprung bereits im Kleinkindalter habe. Mit verschiedenen Tests konnte er nachweisen, dass Kinder unter vier Jahren Unterschiede zwar wahrnehmen, sie jedoch nicht bewerten. Dies ändert sich jedoch sehr schnell, sobald Kinder vermehrt Kontakte mit Gleichaltrigen knüpfen und beginnen, Differenzen als positiv oder negativ einzustufen. Dies zeigt der «Doll Test» der Wissenschaftler Kenneth und Mamie Clark: Sie präsentierten dunkelhäutigen amerikanischen Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren zwei Puppen, die sich nur in ihrer Hautfarbe unterschieden. Als die Wissenschaftler die Kinder fragten, welche Puppe sie lieber mögen, entschied sich die Mehrheit der Kinder für die weisse Puppe. Schon in solch jungem Alter war ihnen laut einer Befragung klar, dass dunkle Haut mit niedrigem Status verbunden werden kann.

So unterschiedlich Menschen über Feindbilder, Ursachen und Wirkungen denken – die Forschung ist sich einig, dass uns Rassismus nicht naturgegeben ist. Babys und Kleinkinder besitzen noch keine rassistischen Vorstellungen, sondern erwerben diese im Laufe ihrer Sozialisierung und psychosozialen Entwicklung zu Erwachsenen. Unterschiede betreffend der Hautfarbe, Herkunft, sexuellen Orientierung oder des Geschlechts sind nicht die Ursachen von Ungleichheit, sondern erst deren gesellschaftliche Wertungen.

Abgrenzung und Rassismus: Von der Angst, alleine zu sein

Ute Benz, Psychoanalytikerin für Kinder und Jugendliche, kommt an der Tagung «Immer Ärger mit den Fremden – Taugliche Mittel gegen Rassismus» zum Schluss, dass Kinder vor allem im Einschulungsalter gefährdet sind, rassistische Denkweisen zu übernehmen. Werden Jungen und Mädchen eingeschult, erweitert sich ihr Bekanntenkreis, der bisher nur aus den Eltern, Verwandten und wenigen weiteren Bezugspersonen bestand. Nun muss das Kind Freunde finden, mit denen es den Alltag in und ausserhalb der Schule bestreitet. «Kinder haben Angst davor, alleine zu sein und würden beinahe alles dafür tun, Freunde zu finden», erklärt die Psychoanalytikerin. Eine Freundschaft gründet auf Gemeinsamkeiten und diese bestehen unter anderem eben auch im Verbund gegen Dritte. Zur Veranschaulichung präsentierte sie folgendes Beispiel aus der teilnehmenden Beobachtung:

Peter und Paul freunden sich in der Schule an und treffen sich nach dem Unterricht zum Spielen. Im Zimmer liegt eine Matratze, weshalb einer der Jungen bald auf die Idee kommt, sie als Schiff zu benutzen und Kapitän zu spielen. Leider können sie sich nicht einigen, wer denn nun der Kapitän sei und geraten in einen Streit. Dieser läuft derart aus dem Ruder, dass Paul seinen Freund am liebsten nach Hause schicken würde – wäre da nicht gerade die kleine Schwester ins Zimmer gestolpert. Eigentlich darf diese sonst nie mitspielen, doch für die Rolle der bösen Räuberin passt sie perfekt. Als Polizisten verbünden sich die Jungen wieder und jagen das Mädchen so lange, bis sich dieses geschlagen gibt und fesseln lässt. Auch als es schon längst nicht mehr mitspielen will und weinend nach der Mutter schreit, fühlen sich die Jungen als Team überlegen und stecken das Ausschimpfen der Eltern tapfer ein.

Eine typische Szene aus dem Alltag, die bestimmt vielen Eltern bekannt vorkommen dürfte. Peter und Paul ringen mit zwei gleichzeitig auftretenden Wünschen: dem Wunsch nach Gleichheit und dem Wunsch nach Überordnung. Da diese Wünsche nicht miteinander vereinbar sind, muss eine Kompromisslösung gefunden werden, bei der die Moral schon einmal übergangen wird: «Dabei greifen Kinder in ihrer Not zu vielen trickreichen Techniken der Überredung, der Bestechung, der Einschüchterung oder erpresserischer Drohungen, um den Freund zum gewünschten Verhalten zu bringen – sie wenden soziale Techniken an, die Kinder mit drei Jahren aus familiären Zusammenhängen bereits hinlänglich gut kennen», erklärt Ute Benz.

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