Leben > Krisen & HilfeTrauern: Abschied von einem Familienmitglied nehmen – und wo es Hilfe gibt Natascha Mahle Wenn dein Partner, deine Partnerin oder dein Kind stirbt, bricht der Boden weg. Dieser Artikel schreibt dir nicht vor, wie du zu trauern hast. Er zeigt, was Trauernden erfahrungsgemäss hilft, woran du merkst, dass fachliche Begleitung nötig ist, und welche Stellen in der Schweiz erreichbar sind – auch nachts. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Wenn du jetzt sofort jemanden brauchst Trauer kann so schwer werden, dass Gedanken ans eigene Sterben auftauchen. Dann musst du nicht warten, bis es «schlimm genug» ist: Dargebotene Hand – Telefon 143. Rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, anonym und vertraulich. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieterin oder Telefonanbieter können jedoch Gebühren anfallen. Beratung auch per Chat und Mail über 143.ch. [4] Pro Juventute – Telefon 147. Für Kinder und Jugendliche, rund um die Uhr, kostenlos. Der Anruf erscheint nicht auf der Telefonrechnung. Mehr dazu auf 147.ch. [5] Beide Nummern nennt auch das Bundesamt für Gesundheit als Anlaufstellen in einer psychischen Notsituation. [1] Der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt eine Lücke, die bleibt. Foto: Wavebreak Media, Thinkstock Geht es überhaupt weiter? Kann es weitergehen, wenn der Mann, die Frau oder sogar ein Kind gestorben ist? Fast jeder Mensch hat sich dieses Szenario schon einmal ausgemalt und dabei die Leere gespürt, die sich ausbreiten wird: wenn das Kinderzimmer für immer leer bleibt, wenn das Kind nie wieder eine Höhle unter dem Esstisch baut, nie wieder vor Freude jauchzt. Oder wenn der Mann, mit dem man seit Jahr und Tag gemeinsam aufwacht, nie wieder seine Augen öffnet. Die Leere ist ein unerträglicher Gedanke, deshalb wird er schnell weggeschoben. Vielen Müttern, Vätern und Kindern passiert es trotzdem: Sie verlieren einen Menschen, den sie lieben. Wie das Danach aussieht, ist sehr unterschiedlich. Manche suchen Trost in Tabletten oder Alkohol, andere ziehen sich zurück, wieder anderen wird das Weiterleben selbst zur Frage. Viele holen sich Unterstützung bei einer Fachperson oder einer Beratungsstelle. Und für manche ist der persönliche Glaube eine grosse Stütze. Keiner dieser Wege ist der richtige oder der falsche. Es gibt keine Regeln, wie lange Trauer dauert Wer trauert, hört schnell Sätze wie «nach einem Jahr wird es besser» oder «du musst jetzt langsam nach vorne schauen». Solche Fristen gibt es nicht. Der Ratgeber «In Zeiten des Trauerns» der Krebsliga Schweiz hält ausdrücklich fest, dass es keine einheitlichen Regeln dafür gibt, wie und wie lange jemand nach dem Verlust eines geliebten Menschen trauert – und dass Trauer oft länger dauert, als allgemein angenommen wird. [3] Was Trauernde erleben, ähnelt sich trotzdem in vielem: Gefühle kommen in Wellen und flauen wieder ab. Auf Schmerz, Sehnsucht und Verzweiflung folgen Schuldgefühle oder Wut. Manchmal ist da auch gar nichts – ein Gefühl von Taubheit oder Erstarrung. Der Körper macht mit: Erschöpfung, Schlafprobleme, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen. Und in manchen Situationen wird der Tod eines nahestehenden Menschen auch als Erlösung empfunden. All das gehört dazu, und keines dieser Gefühle musst du haben, damit deine Trauer «richtig» ist. [3] Wenn der Partner oder die Partnerin stirbt Besonders schwierig ist der Abschied von einem Familienmitglied für ein Kind. Foto: ©iStockphoto.com/Jordan Shaw Der Tod des Partners trifft dich auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Da ist zuerst der Schmerz darüber, dass der Mensch weg ist, den du geliebt hast. Dazu kommt die Gewissheit, dass eure gemeinsamen Kinder ohne Vater oder Mutter aufwachsen werden. Und dann fällt auch noch die Unterstützung weg: Probleme, die ihr vorher zu zweit gestemmt habt, lasten nun auf zwei Schultern statt auf vier. Es hilft, diese drei Belastungen nicht zu vermischen. Du brauchst Zeit und Raum für deine eigene Trauer – Gespräche mit Freundinnen und Familie, Ruhe, Zeit in der Natur, vielleicht einen Tapetenwechsel. Deine Kinder brauchen gleichzeitig Zuspruch, Aufmerksamkeit und deine Anwesenheit. Beides zusammen ist mehr, als eine Person allein tragen kann. Auch andere vertraute Menschen können sich kümmern: Grosseltern, Tante und Onkel, Freundinnen und Freunde der Eltern. Stirbt der Vater, fällt oft eine Bezugsperson für bestimmte Rituale weg – der Kinobesuch, das Fussballstadion, die Werkstatt im Keller. Vielleicht hat der beste Freund des Vaters Lust, das eine oder andere davon weiterzuführen. Ebenso verhält es sich mit den praktischen Arbeiten, die bisher der Partner übernommen hat: Wer gräbt den Garten um? Wer wechselt die Winterreifen? Natürlich kannst du das selbst lernen. Aber alles kostet Energie und Zeit, und beides ist gerade jetzt knapp. Deshalb ist es kein Zeichen von Schwäche, wenn du um Hilfe bittest oder sie annimmst. Wie sich der Alltag als plötzlich alleinerziehende Mutter oder alleinerziehender Vater organisieren lässt, liest du im Erfahrungsbericht Plötzlich verwitwet mit Kindern. Wenn ein Kind stirbt Der Tod eines Kindes stürzt beide Elternteile in grösste Verzweiflung. Aus einer tief empfundenen Liebe für das eigene Kind werden Trauer und Angst. Und dann steht die Frage im Raum, wie es weitergehen soll – gerade wenn das verstorbene Kind ein Einzelkind war. Sind noch Geschwister im Haus, bleibt das Grundgerüst der Familie erhalten. Verwaiste Eltern haben dann einen Halt, für den sich das Aufstehen am Morgen lohnt. Paare müssen nach einem solchen Verlust neu zueinanderfinden. Gelingt es ihnen, in der schwersten Zeit aneinander Halt zu finden, ist das eine grosse Kraftquelle. Andere Paare schaffen das nicht und trennen sich. Auch das ist kein Versagen – Trauer verläuft bei zwei Menschen selten im gleichen Takt. Hilfreich ist für viele verwaiste Eltern der Austausch mit Menschen, die dasselbe erlebt haben. Der Verein Regenbogen Schweiz führt in der ganzen Schweiz Selbsthilfegruppen für Eltern in Trauer um ihr Kind; die Treffen werden von einer Gruppenleiterin begleitet, die in ihrer eigenen Trauerarbeit bereits weiter ist. [6] Wie Eltern nach dem Verlust eines Babys Abschied nehmen, beschreibt auch unser Artikel über Sternenkinder. Ein plötzlicher Tod trifft die Hinterbliebenen ohne jede Vorwarnung. Foto: ©iStockphoto.com/Sheryl Griffin Wie Kinder und Jugendliche trauern Kinder trauern anders als Erwachsene, und das verunsichert Bezugspersonen oft. Manchmal entsteht der Eindruck, sie seien gar nicht traurig. Häufige Reaktionen sind Traurigkeit und Lustlosigkeit im plötzlichen Wechsel mit Heiterkeit, Wut, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Albträume oder die Rückkehr zu Verhaltensweisen, die längst abgelegt waren – etwa Daumenlutschen oder Bettnässen. Auch veränderte Schulleistungen, Trennungsängste, Angst um die verbliebenen Angehörigen und Schuldgefühle kommen vor. [3] Wie ein Kind den Tod versteht, hängt stark vom Alter ab. Jüngere Kinder sehen ihn als vorübergehend und umkehrbar und sprechen immer wieder davon, dass die verstorbene Person zurückkommt. Weise dein Kind liebevoll, aber konsequent darauf hin, dass der Tod endgültig ist – und benutze dabei die Wörter «tot» und «gestorben» statt Umschreibungen wie «eingeschlafen» oder «von uns gegangen». Ältere Kinder verstehen mehr, entwickeln aber manchmal magische Erklärungen und Schuldgefühle, vor allem wenn ihnen Dinge verschwiegen werden. Sag deinem Kind darum ausdrücklich, dass es keine Schuld trifft. [3] Warum sich Umschreibungen rächen und wie du altersgerecht über den Tod sprichst, liest du in unserem Artikel Warum es wichtig ist, mit Kindern ehrlich über den Tod zu sprechen. Jugendliche reagieren oft ambivalent und heftig und verarbeiten ihre Gefühle eher im Freundeskreis als in der Familie. Wichtig sind in jedem Fall ehrliche, klare und altersgerechte Informationen – auch bei einem Suizid. Gib deinem Kind die Möglichkeit, bei den Abschiedsritualen dabei zu sein, etwa beim Besuch im Aufbahrungsraum oder an der Beerdigung, aber lass ihm die Wahl. Und informiere das Umfeld: Lehr- und Betreuungspersonen, Leiterinnen und Leiter in Vereinen. [3] Wie sich solche Gespräche führen lassen, zeigt unser Artikel Tod, Trauer, Trennung: Mit Kindern schwierige Gespräche führen. Deine eigene Trauer musst du dabei übrigens nicht verbergen. [3] Wann fachliche Begleitung nötig ist Trauer ist keine Krankheit. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass du Unterstützung von einer Fachperson brauchst. Die Krebsliga Schweiz nennt vier davon: wenn die Trauer dich zu erdrücken droht, wenn du dich anhaltend wie erstarrt oder wie angetrieben fühlst, wenn du unter starken Schuldgefühlen leidest oder wenn es dir zunehmend schwerfällt, alltägliche Pflichten wahrzunehmen. Das gilt genauso, wenn du solche Reaktionen bei deinen Angehörigen oder deinen Kindern beobachtest. [3] Aufmerksam werden solltest du auch bei Warnzeichen, die auf Suizidgedanken hindeuten. Das Bundesamt für Gesundheit nennt unter anderem: über Suizid sprechen oder einen Todeswunsch äussern, Rückzug von Freundinnen und gewohnten Aktivitäten, Aufräumen und Verschenken von Dingen, Abschied nehmen, die Suche nach Sterbemethoden, Hoffnungslosigkeit und riskantes Verhalten. Auffällig ist ausserdem plötzliche Ruhe und Gelöstheit nach einer Phase tiefer Niedergeschlagenheit. [2] Sprich einen Menschen, bei dem du das beobachtest, offen darauf an – und hol dir selbst Unterstützung unter 143, oder unter 147, wenn es um ein Kind oder eine Jugendliche geht. [1] Wenn die eigene Trauer nicht ins Bild der anderen passt So wie der Tod ein Tabu ist, ist auch das Trauerverhalten gesellschaftlich mit Erwartungen belegt. Diese Erfahrung machte Barbara Pachl-Eberhart. Im März 2008 verlor die Österreicherin bei einem Verkehrsunfall ihren Mann Heli und ihre beiden kleinen Kinder. In ihrem Buch «Vier minus drei» beschreibt sie, wie sie nach diesem Verlust zu einem neuen Leben fand, ohne sich in der Trauer zu verlieren. Als sie sich zwei Jahre nach dem Unfall in einen neuen Mann verliebte, reagierte ihr Umfeld verstört und wandte sich ab. Sie verliess ihre Heimat und zog nach Wien. In einem Beitrag der ORF-Sendung «Thema» vom 5. Juli 2010 sagte sie: «Ich finde es interessant, dass jeder so ein konkretes Bild davon hat, wie er sich verhalten würde, wenn ihm die ganze Familie wegstirbt. Ja, ich kann trauern, das tue ich auch. Ich kann ganz dunkle Phasen haben, doch irgendwann muss dies vorbei sein. Das Leben klopft an die Tür und fragt: ‚Bist du schon so weit, kommst du?... » Der Beitrag ist auf ihrem eigenen YouTube-Kanal abrufbar: ORF-Thema vom 5.7.2010, Teil 1. Hier findest du Hilfe bei einem Trauerfall In der Krise, rund um die Uhr 143.ch – Die Dargebotene Hand: Telefon 143, Chat und Mail, anonym und vertraulich, 365 Tage im Jahr. [4] 147.ch – Pro Juventute: Telefon 147 für Kinder und Jugendliche, kostenlos, rund um die Uhr. [5] Pro Juventute Elternberatung: rund um die Uhr und kostenlos für Eltern und Bezugspersonen, telefonisch, per WhatsApp und per Mail. Austausch mit Betroffenen Verein Regenbogen Schweiz: Selbsthilfegruppen für Eltern, die um ihr Kind trauern, in der ganzen Schweiz. [6] Selbsthilfe Schweiz: Suche nach Selbsthilfegruppen und regionalen Selbsthilfezentren, auch zum Thema Trauer. Elterntreffpunkt Girasol: ehrenamtliche Website von Eltern, die um ein verstorbenes Kind trauern, mit Texten, Erfahrungsberichten und einer Adressliste. Verein trauernetz mit den nebelmeer-Gruppen: Angebote für Hinterbliebene nach einem Suizid, mit eigenen Gruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Buchtipps «Ohne dich. Hilfe für Tage, an denen die Trauer besonders schmerzt» von Freya v. Stülpnagel (Kösel-Verlag, München; zuletzt als 5., überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe 2012). Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, wissen wir häufig nicht, wie es weitergehen soll. Die Autorin, die selbst ein Kind verloren hat und als Trauerbegleiterin arbeitet, bietet Trost und alltagstaugliche Hilfen an – besonders für die Tage unmittelbar nach dem Tod und für Gedenktage. «Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand» von Barbara Pachl-Eberhart (Wilhelm Heyne Verlag, München; zuletzt als Filmausgabe 2026). Der Bericht der Autorin über die Zeit nach dem Unfall, bei dem sie ihren Mann und ihre beiden Kinder verlor. Quellen Bundesamt für Gesundheit BAG: Hilfsangebote zur psychischen Gesundheit. Abgerufen am 12.08.2026. Bundesamt für Gesundheit BAG: Suizidprävention. Abgerufen am 12.08.2026. Krebsliga Schweiz: In Zeiten des Trauerns. Wenn ein geliebter Mensch an Krebs stirbt (PDF, Ausgabe 2019). Der Ratgeber richtet sich an Angehörige von Krebsbetroffenen; die Kapitel zu Trauerreaktionen, zur Trauer von Kindern und zur fachlichen Begleitung gelten unabhängig von der Todesursache. Abgerufen am 12.08.2026. Die Dargebotene Hand: Kontaktmöglichkeiten, Kosten und Erreichbarkeit. Abgerufen am 12.08.2026. Pro Juventute: Rufe uns an auf 147. Abgerufen am 12.08.2026. Verein Regenbogen Schweiz / Association Arc-en-Ciel: Selbsthilfegruppen für verwaiste Eltern. Abgerufen am 12.08.2026.