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«Kinder spüren früh, dass sie transgender sind»

Nicht nur mehr Eltern mit Kindern melden sich der Kinder- und Jugendberatung des Transgender Networks Switzerland. «Die Kinder sind auch jünger geworden», berichtet Beraterin Tanja Martinez. 

Transgender Kinder und ihre Eltern erhalten bei einem Schweizer Netzwerk Unterstützung.
Ein Kind bei einer Pride Parade. Foto: Mercedes Mehling, Unsplash

Begriffe & Grundlagen: Was bedeutet «trans» bei Kindern?

Bei Geburt wird einem Säugling ein Geschlecht zugeordnet. Das zugeordnete Geschlecht steht auch in der Geburtsurkunde. Trotzdem ist Geschlecht mehrdimensional: Dazu gehören körperliche Merkmale (zum Beispiel Chromosomen, Hormone, innere und äussere Geschlechtsmerkmale) und die Geschlechtsidentität – also das innere Wissen, ob man sich als Mädchen, Junge, beides, weder noch oder anders erlebt.

Wichtig für dich als Elternteil: Wenn ein Kind sagt oder zeigt, dass das bei Geburt zugeordnete Geschlecht nicht zu ihm passt, kann das auf eine Geschlechtsinkongruenz hinweisen. «Transgender» (oder kurz: trans) ist ein Begriff, den manche Betroffene für sich nutzen, andere nicht. Es gibt auch Kinder und Jugendliche, die sich als nichtbinär (nicht ausschliesslich Mädchen oder Junge) verstehen.

Häufige Missverständnisse: (1) Vorlieben (Kleidung, Spielzeug, Rollen im Spiel) sind nicht automatisch ein Hinweis auf Geschlechtsidentität. (2) Geschlechtsidentität ist nicht «anerzogen» und auch keine Mode. (3) Trans ist keine Krankheit – belastend sind oft Stress, Druck, Ausgrenzung oder Angst vor Ablehnung.

Was wir wissen – und was wir (noch) nicht sicher wissen

Was als gut belegt gilt

Fachstellen betonen seit Jahren, dass sich ein Teil der Kinder bereits im Vorschulalter sehr klar zu seiner Geschlechtsidentität äussern kann. Ebenso gut belegt ist: Familiäre Unterstützung, Schutz vor Mobbing und ein Umfeld, das das Kind ernst nimmt, sind zentrale Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit. 

Wobei Zurückhaltung sinnvoll ist

Bei vielen Familien ist am Anfang offen, wie stabil eine Selbstbeschreibung über die Zeit bleibt und welche Schritte dem Kind wann guttun. Das ist kein Problem, sondern normal: Entwicklung verläuft individuell. Hilfreich ist ein Vorgehen, das Sicherheit gibt, ohne Druck zu machen – mit Fachpersonen, die Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen mit Geschlechtsinkongruenz haben.

Was Eltern zuerst tun können

1) Zuhören, spiegeln, entlasten

Wenn dein Kind etwas zur eigenen Geschlechtsidentität sagt oder zeigt, hilft oft zuerst das Einfachste: zuhören und die Gefühle benennen. Sätze wie «Danke, dass du mir das sagst» oder «Ich sehe, dass dich das beschäftigt» geben Sicherheit, ohne vorschnell zu entscheiden, was «es bedeutet».

2) Tempo und Privatsphäre des Kindes respektieren

Viele Kinder wollen zuerst nur zu Hause ausprobieren, was sich richtig anfühlt (Name, Kleidung, Frisur, Pronomen). Du kannst das ermöglichen, ohne daraus sofort eine grosse Ankündigung zu machen. Entscheidend ist: Outing ist kein Muss – und es gehört dem Kind.

3) Gemeinsam kleine, reversible Schritte vereinbaren

Im Alltag bewähren sich konkrete Abmachungen: Wie soll das Kind zu Hause angesprochen werden? Gibt es Situationen, die besonders schwierig sind (Turnen, Garderoben, Toiletten, Geburtstagsfeste)? Was wäre ein nächster Schritt, der sich sicher anfühlt? So entsteht Handlungsfähigkeit – für dich und für dein Kind.

4) Hol dir Unterstützung, bevor es eskaliert

Beratung ist nicht erst dann sinnvoll, wenn es «ganz schlimm» ist. Viele Eltern profitieren früh von einer Einordnung, einem Gesprächsleitfaden für Schule/Umfeld und einem Plan für herausfordernde Situationen.

Schule & Umfeld: So bereitest du Gespräche gut vor

Worum es in der Schule oft wirklich geht

Im Schulalltag sind es meist wiederkehrende Punkte, die Stress auslösen: Anrede und Namensgebrauch, Garderoben/Toiletten, Sitzordnung oder Gruppen nach Geschlecht, Klassenlager, Sport und die Frage, wer was wissen soll. Gute Lösungen sind fast immer pragmatisch – und müssen nicht alles auf einmal klären.

Gesprächsleitfaden

Vorab klären (mit deinem Kind): Was darf die Lehrperson wissen? Wie soll das Kind im Unterricht angesprochen werden? Wer soll informiert werden (Schulleitung, Fachlehrpersonen, Betreuung)?

Im Gespräch ansprechen: (1) Name/Pronomen im Alltag, (2) Schutz vor Mobbing und klare Zuständigkeiten, (3) praktische Lösungen für Toiletten/Garderoben, (4) Umgang mit Fragen anderer Kinder (altersgerecht, ohne Details), (5) Vorgehen bei Konflikten.

Wichtig: Lehrpersonen dürfen nicht ohne Absprache mit Kind und Eltern eigeninitiativ «outen». Das ist Persönlichkeitsschutz.

Psychische Gesundheit: Warnzeichen ernst nehmen, Schutzfaktoren stärken

Viele belastende Gefühle entstehen nicht durch die Identität selbst, sondern durch Druck, Angst vor Ablehnung oder wiederholte Grenzüberschreitungen. Achte im Alltag auf Warnzeichen wie Rückzug, häufige Bauch- oder Kopfschmerzen ohne klare medizinische Ursache, Schlafprobleme, starke Stimmungsschwankungen, Schulvermeidung oder Aussagen von Hoffnungslosigkeit.

Krisenplan

Wenn du den Eindruck hast, dass es deinem Kind psychisch akut schlecht geht: (1) Bleib nicht allein damit, (2) hol dir sofort Hilfe über eure Kinderärzt:in, einen kinder- und jugendpsychiatrischen Notfalldienst oder eine Krisenhotline, (3) bei akuter Gefahr: Notruf. Für Kinder und Jugendliche in der Schweiz ist auch die Pro Juventute Beratung 147 eine wichtige Anlaufstelle.

Medizinische Fragen – vorsichtig eingeordnet

Viele Eltern fragen sich früh, ob und wann medizinische Schritte relevant werden. Wichtig ist die Unterscheidung: Bei jüngeren Kindern steht in der Regel psychosoziale Begleitung im Vordergrund (Entlastung, Umgang im Alltag, Stärkung, Schutz). Medizinische Entscheidungen – falls sie später überhaupt Thema werden – gehören in die Hände spezialisierter interdisziplinärer Teams (Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie, Endokrinologie). Diese Teams klären individuell, was sinnvoll ist, und beziehen Belastung, Entwicklung, körperliche Reifung und das familiäre Umfeld mit ein.

Für dich kann entlastend sein: Du musst am Anfang nicht alles wissen. Gute Begleitung hilft, Schritt für Schritt zu entscheiden – ohne Druck und ohne vorschnelle Festlegungen.

Recht in der Schweiz: Name & Geschlechtseintrag

Seit 2022 können Personen in der Schweiz ihren Geschlechtseintrag und Vornamen über eine Erklärung beim Zivilstandsamt ändern lassen. Für Minderjährige ist die Zustimmung der gesetzlichen Vertretung nötig. Details zu Ablauf, Gebühren und benötigten Unterlagen können je nach Kanton unterschiedlich kommuniziert werden – erkundige dich deshalb direkt beim zuständigen Zivilstandsamt oder hole dir Unterstützung bei einer Fachstelle.

Tanja Martinez berät Transgender Kinder und ihre Eltern.

Zur Person:

Tanja Martinez arbeitet bereits seit für das Transgender Network Switzerland. Dort berät sie Kinder und Jugendliche und deren Eltern.

Frau Martinez, bei Ihnen in der Kinder- und Jugendberatung des Transgender Networks Switzerland melden sich immer mehr Kinder mit ihren Eltern …

Ja, vor etwa fünf Jahren bekamen wir vereinzelte Anfragen, heute sind es monatlich ein bis drei Anfragen von Kindern, Jugendlichen, Eltern oder Lehrpersonen, die sich zum ersten Mal bei uns melden. Auch das Alter der Kinder hat sich verändert und die Anfragen wurden komplexer. Angefragt werden wir für individuelle Beratungen für Kinder und Familien, Unterstützung beim Outing-Prozess sowie Aufklärung in Ausbildungsstätten oder auch Schulen.

Wie alt sind die Kinder und Jugendlichen, die in Ihre Beratung kommen?

In den ersten Jahren meiner Tätigkeit vor fünf Jahren kamen vorwiegend Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Dann sank das Alter auf Acht- bis Zwölfjährige. Mittlerweile geht es bei unserer Arbeit vor allem um die Kleineren, die Vier- bis Siebenjährigen.

Haben denn so junge Kinder schon eine Geschlechteridentität?

Meine Berufserfahrung ist: Je jünger ein Kind ist, umso klarer sieht es sich. Je älter es wird, umso mehr spielen gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle, an die sich das Kind möglicherweise anpasst. Ich staune immer wieder darüber, wie extrem beeindruckend die Reife von Kindern ist. Schon kleine Kinder können sehr gut über sich Auskunft geben.

Outen sich Kinder heute früher?

Transgender Kinder haben schon immer Zeichen gegeben. Aber es gab früher noch weniger Bewusstsein für dieses Thema als heute. Viele Eltern haben heute auch eine offenere Kommunikation mit ihrem Kind. Und ein grosser Teil der Gesellschaft hat Vorurteile gegenüber trans Menschen abgebaut.

Welche Zeichen sind es, die transgender Kinder geben?

Die Gesellschaft macht sehr früh Unterschiede zwischen Buben und Mädchen. «Warum trägst du rosa, du bist doch ein Bube», heisst es zum Beispiel. «Nein, ich bin kein Bube», sagen dann trans Mädchen, wenn sie sprechen können. Je älter Kinder werden, umso mehr Anlässe gibt es, die transgender Kinder nutzen, sich zu äussern, vorausgesetzt, sie werden ernst genommen. Zum Beispiel, wenn Lehrer Mädchen und Buben in verschiedene Lerngruppen einteilen. Oder wenn die Kinder in eine Umkleide oder auf eine Toilette geschickt werden, die nicht ihrem Geschlecht entspricht.

Ob und wann das Kind seine Geschlechtsidentität benennt oder nicht, ist ganz allein seine Sache.

Warum melden sich Eltern so früh bei Ihnen?

Eltern melden sich oft bei uns, wenn einschneidende Ereignisse im Leben des Kindes bevorstehen. Zum Beispiel der Wechsel vom Kindergarten in die Schule. Dann entstehen Fragen, die unbeantwortet Sorgen machen. «Wie wird mein Kind in der Schule zurechtkommen?», «Wie werden die Lehrer reagieren?», «Sollen wir sie informieren?»

Sollten die Eltern mit den Erziehern und Lehrpersonen sprechen?

Es kann von Vorteil sein, wenn Klassenlehrpersonen wissen, dass sie ein transgender Kind in ihrer Klasse haben, um für Herausforderungen sensibilisiert zu sein. Aber sie dürfen nicht ohne Rücksprache mit dem Kind oder den Eltern eigeninitiativ werden. Ob und wann das Kind seine Geschlechtsidentität benennt oder nicht, ist ganz allein seine Sache. Da geht es auch um Persönlichkeitsschutz. Niemand muss sich outen.

Ist es wichtig, sich früh Unterstützung zu holen?

Wenn Kinder ihre Geschlechteridentität unterdrücken, entsteht enormer Leidensdruck. Ich habe schon viele traurige und niedergeschlagene Kinder erlebt. Das kann sich auch psychosomatisch zeigen. Manche Kinder äussern früh Angst vor der Zukunft, in der sie dann als Frau oder Mann leben sollen, die bzw. der sie nicht sind. Ärztliche Fachpersonen, mit denen wir zusammen arbeiten, bestätigen, dass die Unterdrückung der eigenen Geschlechtsidentität als Trauma erlebt wird. Sobald Kinder einfach sie selbst sein dürfen, geht die Sonne für sie auf. Beratungsstellen können dabei unterstützen.

Viele Eltern zeigen grosse Stärke und zum Glück auch viel Liebe für ihr Kind. Sie wollen, dass es dem Kind gut geht. 

Wie reagieren Eltern denn sinnvoll?

Für die Eltern ist so ein Weg natürlich auch ein Prozess. Dieser kann auch mit Trauer verbunden sein. Schliesslich muss man sich von einer gelebten Wahrnehmung verabschieden, wie man sein Kind bis anhin gesehen hat. Aber viele Eltern zeigen grosse Stärke und zum Glück auch viel Liebe für ihr Kind. Sie wollen, dass es dem Kind gut geht. Trans ist keine Krankheit. Wenn das Umfeld unterstützend wirkt, entwickeln sich transgender Kinder wie andere Kinder auch in ihrem Alter.

Woher wissen Eltern, ob ihr Kind wirklich transgender ist?

Ob ein Kind tatsächlich transgender ist, zeigt sich im Laufe seiner Entwicklung. Sollte sich herausstellen, dass der Eindruck, das Kind könne sich einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, als das, das ihm bei der Geburt zugesprochen wurde, falsch ist, entsteht kein Nachteil. Grundsätzlich gilt: Alle Kinder und alle Menschen durchleben Phasen, in denen sie ernst genommen werden wollen. Wenn Eltern ihrem Kind zuhören – gleichgültig in welcher Phase es sich befindet – fühlt sich das Kind wertgeschätzt und gestärkt.

Welche Ängste haben die Eltern?

Ängste richten sich meist auf die Zukunft. Wie reagiert der Ausbildungsbetrieb? Wie geht mein Kind mit den körperlichen Entwicklungen in der Pubertät um? Wie funktioniert eine Geschlechtsanpassung? Auch rechtliche Fragen rücken in den Vordergrund.

Wie können Eltern ihr Kind stärken?

Was Kinder spüren und benennen, können sie auch altersgerecht mittragen, wenn Eltern zu ihnen stehen. Das erlebe ich immer wieder in meinem Berufsalltag. Kinder sind Spezialisten für sich selbst. Eltern können fragen: «Was tut dir gut, was hilft dir?“ Kinder kennen oft treffende Antworten.

Welche Anlaufstellen gibt es für Eltern, die Fragen zum Thema Transgender haben?

Eltern können sich bei uns melden. Unter tgns.ch ist zu sehen, zu welchen Zeiten Beratung bei uns möglich ist. In Deutschland hilft der Verein Trakine weiter. Sehr gute Literaturtipps finden sich auf unserer Seite.

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