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«Eltern müssen nicht perfekt sein, nur hinreichend gut»

Ob das Kind faul oder ehrgeizig, schüchtern oder vorlaut, übergewichtig oder untergewichtig ist, die Eltern haben immer Schuld. Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm erklärt im Gespräch mit Familienleben, wie Eltern sich von diesem Druck befreien können.

Eltern müssen nicht perfekt sein, nur hinreichen gut, sagt Margrit Stamm
Ein Kind braucht keine perfekten Eltern, um sich gut zu entwickeln. Bild: AleksandarNakic, Getty Images

Frau Prof. Stamm, Eltern wollten schon immer gesunde, hübsche, kluge und beliebte Kinder, die sich später zu erfolgreichen Erwachsenen mausern. Doch heute scheinen Eltern mit einem weitaus höheren Perfektionsgrad an die Erziehung zu gehen. Warum ist das so?

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Eltern euphorisch und verbanden die Zukunftsaussichten mit Fortschritt. Sie waren überzeugt, Krebs heilen, Kriege zu verhindern, Wohlstand aufbauen, soziale Gerechtigkeit und «Bildung als Bürgerrecht» verankern zu können. Heute ist Verheissung in Pessimismus umgeschlagen. Gefahren, die zum Beispiel vom Klimawandel, der Atomkraft und der zunehmenden Globalisierung ausgehen, machen Angst. Eltern sind der Meinung, dass sie ihre Kinder besonders trainieren müssen, damit sie in schwierigen Zeiten bestehen können.

Auch die Politik betont den familiären Einfluss auf das Verhalten und Gedeihen unserer Kinder …

Ja. Leistungsstudien wie PISA, TIMMS, IGLU und wie sie alle heissen haben einen wesentlichen Anteil an der zunehmenden Leistungs- und Wettbewerbsorientierung. Sie schüren die Angst vor dem Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und dem Abbau des gesellschaftlichen Wohlstands. Immer wieder fordern Bildungspolitiker, alle Kinder seien früher zu fördern und besser als bisher auf die Schule vorzubereiten. Und fast alle politischen Parteien betonen, schulische Förderung könne nur greifen, wenn Eltern mehr in die Erziehung ihrer Kinder investieren.

Eltern stehen also unter Druck …

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis meiner Forschungsstudien ist die, dass es kaum Väter oder Mütter gibt, die sich dem Elterndruck, der Verunsicherung und der Wettbewerbslogik entziehen können. Je mehr unsere Gesellschaft Erfolg und Versagen den Müttern und Vätern zuschreibt, desto grösser werden deren Verantwortungs- und Schuldgefühle.

Wie reagieren Eltern konkret auf diesen Druck?

Die Einschüchterungskultur setzt auch an sich normale Eltern unter Dauerdruck und Dauerstress, sodass sie nur ein Ziel haben: alles fürs Kind zu tun und dabei keine Fehler zu machen, also perfekt zu sein. Heutzutage fördern, umsorgen und kontrollieren Eltern ihren Nachwuchs nonstop.

Erziehung bedeutet aber nicht nur, Kinder zu fördern …

Tatsächlich verlangt die Gesellschaft noch viel mehr von den Eltern. Sie sollen ausgleichen, was sie den Kindern vorenthält. Platz zum Toben zum Beispiel, altersgemässe sinnvolle Aufgaben, Schutz vor einer Konsumgesellschaft, die alles dran setzt, Wünsche zu wecken, welche die Eltern dann heldenhaft ablehnen sollen. Und natürlich sollen sie immer zur Verfügung stehen, wenn ein Sprössling aus dem Kindergarten kommt, während die Grossen zum Nachmittagsunterricht müssen. Schliesslich haben sie ihre Kinder gesund zu ernähren und bei allem so viel zu verdienen, dass der Staat nicht mit Transferleistungen eingreifen muss.

Vor einem solchen Anforderungsprofil müssten Eltern eigentlich kapitulieren …

Die gesellschaftlichen Erwartungen verunsichern Eltern enorm. Eltern zu sein hat im Vergleich zu früher, als man ohnehin Kinder hatte, eine ganz andere Bedeutung bekommen. In unseren Studien sagen etwa zwei Drittel, dass sie oft von Selbstzweifeln geplagt sind. Eltern, der Grossteil von ihnen jedenfalls, geben jeden Tag ihr Bestes. Aber viele von ihnen verausgaben sich dabei sehr, manchmal zu sehr.

Welche Auswirkungen hat die Rund-um-Fürsorge der Eltern auf die Kinder?

Überbehütung führt zur Paradoxie, dass das Kind abhängig wird und zu kurz kommt. Es fehlt ihm der Freiraum, in welchem es selbstständig mit seinen Problemen umgehen und diese lösen oder am eigenen Scheitern wachsen kann. Eltern, denen es schwer fällt, seine Unsicherheiten und Fehlschläge zu ertragen, nehmen ihm die Möglichkeit, ein Selbstwertgefühl aufzubauen und widerstandsfähig zu werden, das heisst Hindernisse zu überwinden, Hürden meistern oder Frustrationstoleranz erwerben zu können – alles Eigenschaften, um im Leben vorwärtszukommen.

Wie können Eltern aus der Perfektionsspirale heraus kommen?

Die wichtigste Frage überhaupt ist die nach den Zielen, die man mit der Erziehung verfolgt. Soll beispielsweise die Leistung oder die Lust am Tun im Mittelpunkt stehen? Das ist ein zentraler Unterschied! Denn im ersten Fall geht es um etwas Zweckgerichtetes, im zweiten Fall um Freude und Befriedigung, unabhängig vom Ergebnis. Und es sind noch andere, unbequemere Fragen nötig, beispielsweise: «Was kann ich an mir selbst verändern?» Und «Was ist nicht veränderbar und deshalb zu akzeptieren?» Nur wenn Eltern versuchen, solche Fragen selbstkritisch zu beantworten, können sie erkennen, wie sich die gesellschaftliche Angst- und Sicherheitskultur auf sie überträgt. Und sie lernen, warum sie sich von ihr emanzipieren müssen.

Haben Sie ein Beispiel, wann Eltern konkreten Druck erkennen können?

Eltern werden im Alltag, auch im Verwandten- und Freundeskreis immer wieder mit vielen Mythen konfrontiert, «Das perfekte Kind ist das Ergebnis der Erziehung.», «Paare, die Beruf und Familie vereinbaren können, sind besonders glücklich» oder «Nur ein präsenter Vater ist ein guter Vater.» Bei solchen Verallgemeinerungen gilt es, hellhörig zu werden, und sie zu hinterfragen und zu diskutieren.

Wie lassen sich Kinder entspannt erziehen?

Eltern können sich um den Aufbau einer positiven Autorität und um mehr Distanz sowie um Stärkung der kindlichen Autonomie bemühen. Ebenso bedeutsam ist jedoch, dass sie ihren Sinn für die kindlichen Entwicklungsgesetze schärfen, ihrem Sprössling deshalb mehr spielerische Ruhe gönnen und die eigenen Förderambitionen kritisch überprüfen. Schliesslich plädiere ich für die Wiederentdeckung der Intuition und damit für mehr Mut und Gelassenheit, öfters den gesunden Menschenverstand walten zu lassen und vernünftiger mit den eigenen Ängsten umzugehen.

«Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht» lautet der Untertitel ihres Buches «Lasst die Kinder los». Warum macht eine entspannte Erziehung lebenstüchtig?

Wenn sich Eltern erfolgreich den gesellschaftlichen Druckversuchen widersetzen, können sie ein starkes Selbstbild von sich als Väter und Mütter entwickeln und eine entspannte Erziehung praktizieren: Sie erkennen, dass sie nicht perfekt sein müssen, sondern lediglich hinreichend gut.

«Lasst die Kinder los» von Margrit Stamm

«Lasst die Kinder los» von Margrit Stamm

In «Lasst die Kinder los» zeigt die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm Wege zu einem entspannteren Erziehungsstil für lebenstüchtige Kinder und zufriedene Eltern. Sie will Eltern helfen, aus Opferrolle und Perfektionsspirale herauszukommen, in die sie durch die gesellschaftliche Elternschelte geraten sind. Das Buch erschien im März 2016 beim Piper Verlag.

Margrit Stamm
Foto: Andreas Muhmenthaler

Zur Person

Die Erziehungswissenschaftlerin Professor Margrit Stamm leitet das Forschungsinstitut Swiss Education in Bern. Sie ist Gründerin des Universitären Zentrums für frühkindliche Bildung an der Universität Fribourg. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Margrit Stamm befasst sich seit 20 Jahren mit entwicklungspsychologischen Fragen von der frühen Kindheit bis ins spätere Erwachsenenalter.

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