«Wir meinen's ja nur gut!» - Von Tigermüttern und Helikopter-Eltern

Peter Pan wollte nicht erwachsen werden und flüchtete ins Nimmerland. Und Kinder von heute? Die dürfen gar nicht mehr erwachsen werden! Jahrzehnte nachdem Eltern der 68er-Generation oft die Vernachlässigung ihrer Kinder vorgeworfen wurde, machten jüngst Tigermütter und Helikopter-Eltern Negativschlagzeilen. Machen Eltern denn alles falsch? Ein Plädoyer für das gesunde Mittelmass und mehr Bauchgefühl.

Erziehungsstile: Eltern sind verwirrt

Gaby und Bree aus der Serie «Desperate Housewives» pflegen völlig verschiedene Erziehungsstile, stossen aber trotzdem beide häufig an ihre Grenzen. Gibt es ein Patentrezept?

Kaum ein Jahr ist es her, als ein Cover des amerikanischen Magazines «Time» weltweit für empörte Reaktionen sorgte. Mit der provokanten Frage «Are you mom enough?» war die 26-jährige Mutter Jamie Lynne Grumet abgebildet, die ihren vierjährigen Sohn an der Brust stillte. Sexualisiert und provokant? Natürlich! Eine Seltenheit? Keineswegs. Auch in Europa sorgte im vergangenen Frühjahr eine übereifrige Mutter für Empörung: Um ihrer nervösen Tochter bei der Maturaprüfung beizustehen, schlüpfte sie kurzerhand in Hüftjeans und Turnschuhe und schrieb für sie den Test. Dass die stark geschminkte 52-Jährige keine Schülerin sein konnte, fiel erst bei der Ausweiskontrolle auf.

Natürlich handelt es sich bei beiden Geschichten um Extremfälle – und doch widerspiegeln sie eine Unsicherheit, von der ein Grossteil der Eltern aus der heutigen Zeit betroffen ist. Autoritäres oder permissives Erziehungsmodell? Drill-Mentalität oder «laissez-faire»? Eltern wird das Bild vermittelt, dass sie mit ihrer Erziehung nur scheitern können. «Wenn sie ihr Kind im Garten auf einen Baum klettern lassen und es runterfällt, sind Eltern die Idioten, die so unverantwortlich und fahrlässig gehandelt haben. Wenn nicht, sind sie die Idioten, die ihr Kind nie auf Bäume klettern lassen», drückt es Nils Pickert im wirelternblog aus.

Au revoir «laissez-faire»: Jetzt kommen die Helikopter-Eltern

Sucht man nach einem Ursprung von Erziehungsmissständen, scheint man zwangsläufig in den 68er-Jahren zu landen. Immer wieder machen Kritiker und die Medien diese Generation für einen laschen Erziehungsstil verantwortlich, der faule und entscheidungsschwache Jugendliche hervorgebracht habe. In seinem Buch «Lob der Disziplin» (2006) warf der Pädagoge Bernhard Bueb den 68er-Eltern vor, an einem Werteverfall in der Gesellschaft Schuld zu sein. Das Entstehen eines neuen Erziehungsstils geprägt durch exzessives Einmischen, Totalfixierung und ständige Kontrolle wurde dadurch geradezu provoziert. Schliesslich soll der Nachwuchs nicht die gleichen Fehler machen wie seine Erzeuger, Chancen ergreifen und das Beste aus seinem ohnehin zu kurzen Leben machen.

Bereits 1969 beschrieb der israelische Psychologe Haim G. Ginott überbehütende Eltern als Helikopter, die um ihre Kinder kreisen. Doch erst die US-amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel verhalf dem Begriff zu weltweiter Berühmtheit und einem schlechten Image. Ihr zufolge sei Überbehütung nämlich häufig die Ursache für psychische Störungen, Ess- und Verhaltensstörungen.

Der Wunsch nach Perfektion und eine immerwährende Angst

Auch die aus China stammende Amerikanerin Amy Chua, besser bekannt unter dem Namen «Tigermutter», gehört zu den Eltern, die jeden Schritt ihrer Kinder mit wachsamen Augen verfolgen. In ihrem 2011 erschienenen Buch «Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte» erzählt Chua, wie sie ihre Kinder durch streng-autoritative chinesische Erziehungsmethoden zu musikalischen Ausnahmetalenten aufwachsen lassen hat. Ohne Schlafentzug, eisernen Willen und Drill wären ihre Kinder nie so weit gekommen, so Chua. In diesen extremen Fällen der Überbehütung sieht der dänische Familientherapeut Jesper Juul den elterlichen Wunsch nach Repräsentation und Reputation: «Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse richteten gar weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben.»

Überbehütung muss jedoch nicht im Narzissmus der Eltern begründet sein, sondern kann auch ganz einfach eine Folge von Angst sein. Angst, dass den Kindern etwas zustösst und dass sie mit dem Leistungsdruck der heutigen Gesellschaft nicht zurechtkommen. Und dann ist da noch die Ursorge, dass sich dieselben Fehler Generation um Generation wiederholen. Indem Eltern ihren Kindern immer einen Schritt voraus sind, können sie negativen Erfahrungen mit etwas Glück vorbeugen – so die Hoffnung. In der Leistungsgesellschaft leiden Kinder, aber auch ihre Eltern, unter einem grösseren Druck mehr denn je. Diesen Druck setzt der Hirnforscher Ralph Dawirs im Frankfurter Abendblatt mit einem Verlust des  «natürlichen Korrektivs» in Verbindung: Als Kinder früher noch in Grossfamilien und ländlichen Gebieten aufwuchsen, wurden sie nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von Verwandten, den Nachbarn und sonstigen Bekannten umsorgt. Jetzt ist dies Sache der Eltern.

Aber wo wird die Grenze zwischen fürsorglicher Behütung und vorsorglicher Überbehütung gezogen? Muss man sich denn gleich als Helikopter-Eltern beschimpfen lassen, wenn man sich um sein Kind kümmert?

Stop mit dem Eltern-Bashing!

Niemand kann sich darüber wundern, dass Eltern panisch reagieren, wenn in aller Öffentlichkeit exzessiv über sie hergezogen wird. Zwar mag am Phänomen der überbesorgten Eltern etwas dran sein und doch sollten Einzelfälle wie der von Amy Chua oder Jamie Lynne Grumet keinen Stereotyp einer ganzen Gesellschaft vermitteln. Dem Eltern-Bashing muss ein Ende gesetzt werden, deklarierte die FAZ und sprach damit einer Vielzahl von Psychologen und Eltern aus dem Herzen. Es fehlt nämlich nicht nur ein Massstab dafür, wie denn gute Erziehung auszusehen habe, sondern auch Zahlen, die eine schlechte Erziehung und Folgen von Überbehütung belegen. Und jetzt mal ehrlich: Sollen Eltern erst einschreiten, wenn die Kinderhände auf der Herdplatte und der Teenager betrunken im Garten liegen? Muss ein Kind Knochen brechen und die Lehre abbrechen, um seine Handlungen als Fehler zu erkennen? Nicht erst jüngst wird aus der Unsicherheit der Eltern ein Geschäft gemacht, indem Ratgeber geschrieben und psychologische Praxen eröffnet werden. Schliesslich muss den Eltern ja jemand sagen, wie sie ihre Kinder zu erziehen haben! Oder?

Wo bleibt das gesunde Mittelmass?

Wir stehen nicht vor einer Generation von überbesorgten Helikopter-Eltern, sondern vor einer Reihe von Erwachsenen, die vor lauter Unsicherheit ihr Bauchgefühl verloren haben. Oft funktioniert die erste Problemlösung, die einem in den Sinn kommt, deshalb so gut, weil Intuition auf Erfahrungen beruht. Je mehr positive Erfahrungen wir mit einer Erziehungsmethode machen, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch beim nächsten Problem funktioniert. Natürlich sollten auch Informationen eine Grundlage für elterliche Entscheidungen bringen; schliesslich müssen Eltern das Verhalten ihres Kindes in seinen Entwicklungsstand einordnen können um angemessen darauf zu reagieren. Fragen Sie bei Unsicherheit auch Ihre Eltern, Freunde und Bekannte, denn die Wahrscheinlichkeit, dass Sie mit denselben Problemen auch schon gekämpft haben, ist gross. Auch erleichtert es die Erziehung, wenn Mama und Papa sich in den wichtigsten Erziehungsfragen einig sind. Eltern müssen sich nicht konsequent für einen bestimmten Erziehungsstil entscheiden und diesen dann, komme was wolle, durchsetzen. Eines haben der autoritäre und der permissive Erziehungsstil nämlich gemeinsam: Sie sind bequem. Es kostet bekanntlich weniger Zeit und Aufwand zu generalisieren als bestimmte Verhaltensweisen im Einzelfall zu klären.

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