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Folsäure in der Schwangerschaft: Warum sie so wichtig ist und wie du genug bekommst

Kaum ist der Test positiv oder der Kinderwunsch ausgesprochen, fällt das Wort Folsäure. Folsäure in der Schwangerschaft ist tatsächlich wichtig, vor allem in den ersten Wochen, oft bevor du überhaupt von der Schwangerschaft weisst. Deshalb kommt es darauf an, wann du anfängst, wie viel du nimmst und wie lange. Mit Gemüse allein erreichst du die nötige Menge dabei meist nicht.

Folsäure in der Schwangerschaft
Am besten nimmst du Folsäure schon vor der Schwangerschaft und bis Ende der 12. Woche jeden Tag. Foto: dragana991, Getty Images

Folsäure: Das Wichtigste in Kürze

  • Folsäure senkt das Risiko für einen offenen Rücken deutlich. Sie wirkt in den ersten Wochen, oft noch bevor du von der Schwangerschaft weisst. Mehr dazu
  • Beginne mit 400 Mikrogramm täglich, sobald du schwanger werden möchtest oder könntest. Ab wann genau
  • Nimmst du Medikamente gegen Epilepsie, hattest du schon vor der Schwangerschaft Diabetes, hast du starkes Übergewicht oder kam ein Kind von dir oder eines deiner Geschwister mit einem Neuralrohrdefekt zur Welt, brauchst du deutlich mehr. Wer mehr braucht
  • Nimm die Folsäure mindestens bis Ende der 12. Schwangerschaftswoche. In der üblichen Dosis schadet es nicht, sie länger zu nehmen. Wie lange
  • Mit Essen allein erreichst du die nötige Menge meistens nicht. Folsäure in Lebensmitteln

Warum Folsäure in den ersten Wochen zählt

Folsäure ist ein B-Vitamin, auch Vitamin B9 genannt. Der Körper braucht sie für jede Zellteilung und damit für alles, was schnell wächst. Kaum etwas wächst schneller als ein Embryo in den ersten Wochen.

In dieser Zeit entsteht das Neuralrohr, die Vorstufe von Gehirn und Rückenmark. Es schliesst sich zwischen dem 22. und dem 28. Tag nach der Befruchtung.[1] Gezählt ab deiner letzten Periode ist das etwa die sechste Schwangerschaftswoche. Schliesst es sich nicht vollständig, entsteht ein Neuralrohrdefekt. Die häufigste Form ist die Spina bifida, der offene Rücken. Bei der schwersten Form fehlt ein grosser Teil des Gehirns, und das Kind kann nach der Geburt nicht überleben.

Ein Mangel an Folsäure in der Frühschwangerschaft ist ein wichtiger Grund für solche Fehlbildungen. Nimmt eine Frau schon vor der Empfängnis Folsäure, sinkt die Zahl der Neuralrohrdefekte um bis zu 70 Prozent.[2]

Ab wann du Folsäure nehmen solltest

Am besten fängst du an, sobald du schwanger werden möchtest oder könntest. Empfohlen werden täglich 400 Mikrogramm Folsäure als Tablette, zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung.[3] Ideal ist ein Vorsprung von mindestens einem Monat vor der Empfängnis.[2] Ein einfacher Zeitpunkt ist der Tag, an dem du die Antibabypille absetzt oder sonst nicht mehr verhütest. Was du vor einer Schwangerschaft sonst noch klären kannst, liest du im Artikel zur Schwangerschaftsvorbereitung.

Fast jede zweite Schwangerschaft ist ungeplant. Viele Frauen nehmen die Folsäure deshalb gar nicht oder zu spät.[2] Wenn du gerade erst erfahren hast, dass du schwanger bist, und noch keine Folsäure genommen hast: Fang heute damit an und erzähl es deiner Frauenärztin. Ein offener Rücken ist selten: In der Schweiz kommt er bei etwa einer von 1.000 Geburten vor.[1] Auch ohne Folsäure kommen die allermeisten Kinder ohne Neuralrohrdefekt zur Welt. Bei der Ultraschalluntersuchung um die 20. Woche wird ausserdem die Wirbelsäule deines Babys genau angeschaut.

Folsäure-Tabletten: wie viel und welches Präparat

Den meisten Frauen genügen täglich 400 Mikrogramm.[3] Reine Folsäure-Tabletten in dieser Dosis bekommst du ohne Rezept in der Apotheke oder Drogerie. Viele nehmen stattdessen ein Multivitamin für Schwangere. Das ist ebenso gut, wenn die Tagesdosis mindestens 400 Mikrogramm Folsäure enthält. Schau dafür auf die Packung. Welche weiteren Vitamine in der Schwangerschaft sinnvoll sind und welche nicht, erklärt der Artikel über Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft.

Für manche Frauen ist das Risiko für einen Neuralrohrdefekt höher. Sie brauchen deutlich mehr Folsäure, nämlich 5 Milligramm (5 mg) am Tag. Das gilt, wenn du schon ein Kind mit einem Neuralrohrdefekt hast oder wenn eines deiner Geschwister mit einem Neuralrohrdefekt zur Welt kam. Ebenso gilt es bei Medikamenten gegen Epilepsie, einem Diabetes, der schon vor der Schwangerschaft bestand, und einem Body-Mass-Index über 35. Auch eine ärztlich festgestellte MTHFR-Mutation gehört dazu, eine erbliche Besonderheit im Folsäure-Stoffwechsel. Die hohe Dosis beginnt drei Monate vor der Schwangerschaft und läuft bis zur 12. Woche. Danach reichen wieder 400 Mikrogramm. Nach einer Operation zur Gewichtsabnahme, etwa einem Magenbypass, sind es 800 Mikrogramm am Tag.[2] Gehörst du zu einer dieser Gruppen, sprich die Dosis mit deiner Frauenärztin ab, am besten schon vor der Schwangerschaft. Das gilt auch, wenn du selbst oder der Vater des Kindes mit einem Neuralrohrdefekt geboren wurde.

Manche Präparate enthalten statt Folsäure Methylfolat, eine andere Form des Vitamins. Sie werden oft als besser verwertbar beworben, gerade bei einer MTHFR-Mutation. Empfohlen wird aber auch in diesem Fall Folsäure, dann in der höheren Dosis.[2] Möchtest du trotzdem Methylfolat nehmen, besprich das vorher mit deiner Frauenärztin.

Wie lange du Folsäure nimmst und ob eine Überdosierung schadet

Die Einnahme läuft bis mindestens Ende der 12. Schwangerschaftswoche.[3] Danach ist das Neuralrohr längst geschlossen, auf den offenen Rücken hat die Folsäure dann keinen Einfluss mehr. Ist deine Packung in der 13. Woche noch halb voll, kannst du sie trotzdem aufbrauchen. Die längere Einnahme schadet in der üblichen Dosis nicht: 400 Mikrogramm liegen weit unter der Obergrenze von 1.000 Mikrogramm am Tag, die in Europa für Erwachsene gilt, auch in Schwangerschaft und Stillzeit.[4]

Eine Überdosierung ist trotzdem möglich. Die wichtigste Nebenwirkung sehr hoher Mengen betrifft das Vitamin B12: Folsäure kann einen Mangel daran überdecken, sodass er zu spät auffällt und Nerven schädigen kann.[4] Kritisch wird es, wenn sich Präparate addieren. Ein Multivitamin mit 800 Mikrogramm plus eine zusätzliche Folsäure-Tablette liegt schon darüber. Nimm deshalb nur ein Präparat mit Folsäure. Ausnahme ist die hohe Dosis, die dir deine Ärztin wegen eines erhöhten Risikos verordnet. Negative Folgen dieser Dosis von 5 Milligramm sind bisher nicht dokumentiert.[2]

Folsäure in Lebensmitteln: warum der Teller allein meist nicht reicht

In Lebensmitteln steckt das Vitamin als Folat. Viel davon liefern grünes Gemüse und Kohl. Rosenkohl enthält roh etwa 130 Mikrogramm je 100 Gramm, Spargel knapp 130, Spinat rund 120, Federkohl gut 110 und Nüsslisalat etwa 80. Bei Obst und Brot sieht es bescheidener aus: Eine Orange liefert nicht einmal 20 Mikrogramm je 100 Gramm, Vollkornbrot gut 20 und ein Apfel 13.[5]

Diese Zahlen klingen besser, als sie sind. Der Körper nimmt Folat aus dem Essen schlechter auf als Folsäure aus einer Tablette. Und Folat ist hitzeempfindlich: Beim Kochen und Aufwärmen geht ein grosser Teil verloren.[2] Gemüse kurz dämpfen statt lange kochen hilft, ändert aber nichts an der Grundrechnung. Die Menge, die vor Fehlbildungen schützt, erreichst du mit dem Essen meistens nicht.[3]

Wertlos ist folatreiches Essen deshalb nicht. Es ist eine wichtige Grundlage deiner Versorgung und bringt viele andere Nährstoffe mit.[3] Wie ein guter Speiseplan in der Schwangerschaft aussieht, liest du im Artikel über die Ernährung in der Schwangerschaft. Passende Ideen für die Küche findest du bei unseren Rezepten für die Schwangerschaft.

Angereichertes Mehl: was andere Länder zeigen

In vielen Ländern kommt Folsäure nicht nur aus der Tablette, sondern aus dem Brot. Dort wird Mehl mit Folsäure angereichert, etwa in den USA, in Kanada und in vielen Ländern Lateinamerikas.[1] So erreicht das Vitamin auch Frauen, die nichts von ihrer Schwangerschaft wissen. Die Zahl der Neuralrohrdefekte ging in diesen Ländern um 30 bis 46 Prozent zurück.[2]

Aus Kanada kommt ein Hinweis auf einen weiteren Nutzen. Dort ist die Anreicherung seit 1998 Pflicht. Rechnet man andere Einflüsse wie das Alter der Mütter heraus, geht sie mit weniger Fehlbildungen am Ausgang des Herzens und weniger Löchern in der Herzscheidewand einher. Bei anderen schweren Herzfehlern liess sich kein solcher Zusammenhang sichern. Erfasst sind knapp sechs Millionen Geburten der Jahre 1990 bis 2011.[6] Beweisen kann eine solche Beobachtung über die Jahre allerdings nicht, dass die Folsäure den Rückgang bewirkt hat. Empfohlen wird Folsäure deshalb wegen des Neuralrohrs, nicht wegen des Herzens.

In der Schweiz ist die Anreicherung nicht vorgeschrieben. Eine Pflicht wurde 2006 aus rechtlichen Gründen verworfen. Der Nutzen für die Vorbeugung überwiege nicht gegenüber den Interessen aller, die das Mehl essen. Profitieren würden ja vor allem Frauen im gebärfähigen Alter. Seither reichern nur einzelne Mühlen und Bäckereien freiwillig an.[7] Die nötige Menge kommt hier deshalb in aller Regel aus der Tablette.[1] Umso mehr kommt es auf dich an: Leg die Packung dorthin, wo du jeden Morgen vorbeikommst, etwa neben die Zahnbürste. Und wenn du wegen einer Krankheit oder eines Medikaments eine höhere Dosis brauchen könntest, sprich mit deiner Frauenärztin, bevor du die Verhütung absetzt.

Quellen

  1. Inselspital Bern, Kinderklinik: Spina bifida. kinderklinik.insel.ch (abgerufen am 01.10.2026)
  2. gynécologie suisse SGGG: Expertenbrief Nr. 92, Präkonzeptionsberatung, 2025. sggg.ch (PDF) (abgerufen am 01.10.2026)
  3. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV: Ernährung rund um Schwangerschaft und Stillzeit, 2020. sge-ssn.ch (PDF) (abgerufen am 01.10.2026)
  4. Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA: Scientific opinion on the tolerable upper intake level for folate, EFSA Journal 2023 (Europa, englisch). pmc.ncbi.nlm.nih.gov (abgerufen am 01.10.2026)
  5. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV: Schweizer Nährwerttabelle, 3. Ausgabe 2020. hssr.ch (PDF) (abgerufen am 01.10.2026)
  6. Liu S, Joseph KS, Luo W et al.: Effect of Folic Acid Food Fortification in Canada on Congenital Heart Disease Subtypes. Circulation 2016;134:647–655 (Kanada, englisch). pubmed.ncbi.nlm.nih.gov (abgerufen am 01.10.2026)
  7. Stiftung Folsäure Schweiz, Magazin Faktor-F: Das Mehl und die Folsäure, 2025 (gibt das Rechtsgutachten im Auftrag des BAG von 2006 wieder; die Originalfassung beim BLV war nicht abrufbar). faktor-f.ch (abgerufen am 01.10.2026)

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