Probleme der Frühchen

Denn je unreifer die Frühgeborenen, desto komplexer in der Regel die benötigte Betreuung. Limitierender Faktor für die erfolgreiche intensivmedizinische Behandlung ist die unreife Lunge und das noch unreife Gehirn, das nicht alle Belastungen ausgleichen kann. Infektionen, Hirnblutungen und Netzhautablösungen sind bei extrem Frühgeborenen häufig und geben nicht selten Anlass zur Sorge. Babys, die mit weniger als 34 Wochen geboren werden, benötigen meist künstliche Beatmung, Kreislaufunterstützung, Flüssigkeits- und Zuckerzufuhr. Wenn die Verdauung noch nicht funktioniert, wird eine Magensonde gelegt. Ständige Überwachung ist Standard. Häufig sind Operationen notwendig. Und immer wieder gibt es leider auch Fälle, in denen die Ärzte das Ziel, das man sich durch den Einsatz der medizinischen Massnahmen erhoffte, nicht mehr erreichen können. Dann dürfen die Massnahmen eingestellt und die Apparate abgestellt werden. Dann werden palliative Massnahmen eingeleitet, denn aktive Sterbehilfe ist in der Schweiz verboten. Zur optimalen Sterbebegleitung gehört, dass man das Kind den Eltern in die Arme legt.

Die intensivmedizinische Behandlung der Frühchen ist für diese eine Belastung. Mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln wird versucht, dagegen anzugehen. Vor allen Dingen fehlen auch die Eltern. Frühgeborene – die manchmal 14 Wochen und mehr im Spital bleiben müssen – brauchen Stimmen und Berührungen. In vielen Neonatologie-Abteilungen wird deshalb die «Känguru»-Methode angewendet. Dabei nimmt man die Winzlinge für einige Minuten aus dem Inkubator und legt sie auf die nackte Brust der Mutter und deckt sie zu. Die Methode – in den 70er Jahren in Kolumbien aus der Not heraus entwickelt – ist heute als Therapie fest etabliert, da sie auch die Eltern-Kind-Bindung fördert.

Was sind die Langzeitfolgen?

Es ist unbestritten: Frühgeborene haben ein Entwicklungsdefizit. Ein früh geborenes Kind bleibt zeitlebens früh geboren. Doch wie entwickeln sie sich im Vergleich mit ihren Altersgenossen? Valide Erkenntnisse sind noch selten, eine nationale Langzeitstudie ist erst seit sechs Jahren am Laufen. Erste Untersuchungen belegen die Befürchtungen, dass Frühgeborene mit sehr niedrigem Geburtsgewicht im Schulalter oft geistige und körperliche Handicaps aufweisen. Sie brauchen viel therapeutische Unterstützung und mehr Förderung.

Eine Studie aus den USA besagt, dass die geistige Entwicklung sehr früh geborener Kinder oft verzögert ist und sich aber durchaus bis ins Schulalter normalisieren kann – besonders mit entsprechender therapeutischer Unterstützung. Dennoch: Fehlbildungen treten bei extrem Frühgeborenen doppelt so häufig auf wie bei Normalgeburten. Das Spektrum reicht von leichten motorischen Störungen, die das Leben kaum beeinträchtigen, bis hin zu schweren körperlichen und geistigen Behinderungen. Und auch chronische Lungenerkrankungen und Erkrankungen der Netzhaut bis hin zur Erblindung können vorkommen.

In der amerikanischen Studie wurde die Entwicklung von 250 frühgeborenen Kindern bis zum Alter von 20 Jahren untersucht. Verglichen mit Altersgenossen wiesen diese mehr chronische Gesundheitsprobleme auf, vor allem zerebrale Lähmungen, Hör- und Sehprobleme und Kleinwuchs. Sie schlossen seltener die High School ab und mussten häufiger eine Klasse wiederholen. Auch war ihr IQ durchschnittlich niedriger.

Doch aus der Studie erstaunt ein weiteres Resultat. In Bezug auf das psychosoziale Risikoverhalten (Alkohol, Rauchen, Drogen, Gewaltdelikte etc.) schnitten die Frühgeborenen deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. Was die Interpretation der Studienresultate nahe legt: Statt die schlechten Leistungen der ehemals Frühgeborenen hervorzuheben, sollte umso mehr betont werden, dass sich diese Menschen trotz gesundheitlicher Einschränkungen erstaunlich gut durchs Leben schlagen. Ein beträchtlicher Teil erreichte durchaus einen durchschnittlichen Ausbildungsstand.

Text: Kathrin Fischer

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