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Kind > Erziehung

Kleine Sticheleien unter Müttern: Geschickt mit Besserwissern umgehen

Wohl jede Mutter kennt diese unangenehmen Diskussionen rund um Babypflege und Kindererziehung, die jede Gemütlichkeit im Beisammensein mit anderen Müttern jäh beendet. Zum Glück lässt sich mit Besserwissern geschickt umgehen.

Mit Besserwisser umgehen

Gelassenheit ist das beste Gegenmittel gegen Besserwisser. Bild: Hemera-Thinkstock

Wer kennt das nicht? Man sitzt gemütlich auf dem Spielplatz, im Café oder im Kindergarten mit anderen Müttern und Vätern zusammen – bis irgendwann ein Satz fällt, der alle aufschrecken lässt. «Wie, du benutzt Plastik-Schoppen?» kann er zum Beispiel lauten. Andere Varianten sind:«Baby-Brei selbst zu kochen, ist doch viel besser als ihn fertig zu kaufen!», «Dein Kind schläft immer noch bei dir im Bett?» oder «Trennungskinder können einem echt leid tun!» Besserwisser-Sätze wie diese gibt es zu allen möglichen Erziehungsthemen in verschiedenen Varianten.

Beliebte Reizthemen unter Müttern

Auch Rita Angelone, Schweizer Familienbloggerin, kennt eine Fülle solcher Streitthemen für Besserwisser: «Sind pränatale Tests sinnvoll? «Darf man abtreiben? «Ab welchem Alter sollten Frauen besser nicht mehr schwanger werden?» So lauten Fragen rund um die Schwangerschaft. Streitfragen, die die Geburt thematisieren, sind vor allem: «Spital oder Hausgeburt?, «Doula oder Hebamme?», «natürliche Geburt oder Kaiserschnitt?». Ist das Baby da, geht es oft um «Stillen oder Flasche?», «Brei machen oder kaufen?», «Nuggi – sinnvoll oder schädlich?», «Co-Sleeping oder Kinderbett im Kinderzimmer?», «Schreien lassen oder Herumtragen?», «Impfen oder Nichtimpfen?», «Fremdbetreuung oder nicht?»

«Mütter streiten sich ganz generell über alle Erziehungsthemen inbrünstig», weiss Rita Angelone. «Doch es ist sicher so, dass sich Mütter während der Schwangerschaft und in der ersten Zeit mit dem ersten Baby besonders in bestimmte Themen verbeissen können.»

Versteckte Kritik trifft ebenso hart

Nicht immer wird offen diskutiert. «Oft wird die Kritik recht subtil vorgetragen», berichtet Familien-Bloggerin Tamar Venditti. «Ich beobachte häufig ziemlich dürftig kaschierte Sticheleien, die der Gesprächspartnerin vor Augen führen sollen, wie falsch sie liegt.» «Dein Kind schläft immer noch bei dir im Bett?» - so naiv-erstaunt kann ein versteckter Angriff lauten.

Steht ein solcher Satz im Raum, ist die Gemütlichkeit dahin. Eltern sitzen kerzengerade, Köpfe erhitzen sich, Stimmen werden schrill. Der eine Besserwisser ruft den nächsten auf den Plan. Über nichts lässt sich erbitterter diskutieren als über Kinder und Erziehung. Schliesslich will ja jede Beteiligte eine möglichst gute Mutter sein. Argumente anderer zählen wenig. Stattdessen gilt es, die eigenen Dogmen zu verteidigen. Kann man nicht auch gelassener reagieren?

MIt Besserwisser umgehen

Jede Mutter muss ihre eigene Erfahrungen in der Erziehung machen. Bild: Digital Vision-Thinkstock

Gelassen auf Besserwisser reagieren

«Gelassenheit» ist das Zauberwort. Tief durchatmen, wenn eine Mutter meint, die Weisheit gepachtet zu haben oder rechthaberisch familiäre Gewohnheiten verteidigt. Schliesslich kann eine Diskussion unter Eltern auch nützlich sein. Vielleicht steckt hinter dem angeberisch vorgetragenen Mütter-Dogma doch ein Fünkchen Wahrheit?

Keine Frage: Andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Da wäre es doch dumm, auf taub zustellen. «Manchmal sehen wir das Wesentliche nicht mehr und sind froh über einen Input von aussen. Durch die Erfahrung von anderen Menschen/Familien können wir vieles lernen», so Nicole Bauhofer-Sennrich, dipl. Kommunikationstrainerin nach Thomas Gordon, Kindergartenlehrperson und Mutter von drei Kindern aus Buchrain. Beim Zuhören lassen sich leicht Erfahrungen anderer mit eigenen Überzeugungen abgleichen. Dabei wird – je nachdem - die eigene Linie bestärkt oder in Frage gestellt und korrigiert.

Von Besserwissern nicht beirren lassen – so gelingt es:

Tamar Venditti

Bloggerin Tamar Venditti beautifulvenditti.wordpress.com:

«Hilfreich beim Finden eines eigenen Weges in der Kindererziehung war sicherlich, dass ich aus einer Grossfamilie stamme und bei Neffen und Nichten sehr viel «üben» und Erfahrungen sammeln konnte. Dadurch war ich vermutlich weniger verunsichert und deutlich gelassener als andere Frauen, die Mütter werden.

Ich versuche, im Umgang mit anderen Müttern, Reizthemen aus dem Weg zu gehen, wenn ich spüre, dass die Wellenlänge nicht passt. Ist mir ein Thema wirklich wichtig, diskutiere ich es nur mit engen Freundinnen, mit denen sich diskutieren lässt, ohne bei Sticheleien zu enden. Statt einer bestimmten Erziehungsrichtung anzuhängen, filtere ich aus den verschiedenen Lehrmeinungen das heraus, was zu meiner Familie und meinen Kindern passt.

Bei manchen Mütter-Treffen bin ich ganz einfach nicht anzutreffen. Wo nur kritisiert und über die richtige Windelmarke gefachsimpelt wird, fühle ich mich nicht wohl. Ausserdem schätze ich es ungemein, auch mit Frauen zusammen zu sein, die keine Kinder haben oder deren Kinder bereits erwachsen sind. Das erweitert den Horizont.»

 

Rita Angelone

Bloggerin Rita Angelone dieangelones.ch

«Eine eigene Meinung in Sachen Kindererziehung zu finden, ist ein Entwicklungsprozess, den wohl jede Mutter mitmacht. Selber habe ich in den ersten Wochen und Monaten nach einer schwierigen Geburt mit einem verhältnismässig schwierigen ersten Baby rasch lernen müssen, zusammen mit meinem Mann Verantwortung zu übernehmen. Bei Entscheidungen berücksichtigten wir Informationen von Fachleuten, hörten aber auch auf das eigene Herz, den eigenen Instinkt und den eigenen Verstand.

Uns ist es in erster Linie immer um das Wohl unserer Kinder gegangen - nie darum, was andere von uns als Eltern denken könnten. Diesen Mut, eine eigene Linie zu fahren, ist ein Teil meiner Persönlichkeit, aber sicher auch durch mein Alter zum Zeitpunkt der Familiengründung begünstigt worden.»

Fotos: privat

 

Informieren, ohne missionieren zu wollen

Wer will schon mit der Meinung hinterm Berg halten? Schliesslich ist es schön, wenn auch andere von eigenen Überzeugungen profitieren könnten. Sinnvoll ist es, darauf zu achten, selbst nicht wie ein Besserwisser zu klingen. Dabei helfen sachliche Informationen «Neulich stand in der Zeitung, dass …» und «Ich»-Botschaften «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass …»  Ob der Gesprächspartner sie aufnimmt, nützlich findet und praktisch umsetzt - oder nicht, bleibt ihm überlassen. Wer andere überzeugen will, scheitert umso schneller, je vehementer er überzeugen will.