Homeschooling: Wie Kinder zu Hause lernen

Aufstehen, Zähne putzen, frühstücken, in die Schule gehen – so sieht der Alltag der meisten Kinder aus. Doch nicht alle Schweizer Schüler machen sich morgens auf den Weg in ihr Klassenzimmer. Etwa 500 Kinder werden zu Hause von ihren Eltern im Homeschooling unterrichtet. Zum Beispiel Manuel (11) und Judith (15) aus Herisau.

Homeschooling hat viele Vorteile

Homeschooling propagiert eine andere Variante des Lernens. Bild: Zoonar-Thinkstock

«Deine Kinder gehen nicht in die Schule?» Diese verwunderte Frage bekam Regula Bott aus Herisau in den vergangenen sechseinhalb Jahren häufig zu hören. Seit 2006 unterrichtet sie ihre drei Kinder zu Hause.

Die Verblüffung anderer Menschen kann Regula Bott verstehen. Noch gut kann sie sich daran erinnern, wie sie selbst mit Homeschooling in Berührung kam. «Wir besuchten eine bekannte Familie, deren Kinder zu Hause lernten. Diese Art des Unterrichts fanden wir zunächst sehr merkwürdig», lacht sie. «Auf dem Rückweg waren mein Mann Markus und ich uns einig: Homeschooling mag für diese Familie in Ordnung sein, für uns aber wäre das nichts.» Ein Irrtum, wie sich Jahre später zeigte. Denn so ganz ging der Gedanke, dass Homeschooling in der Schweiz nicht nur erlaubt, sondern auch möglich ist, den Eltern Bott nicht mehr aus dem Kopf.

Homeschooling: Aus einem Versuch wurde Alltag

Ein innerfamiliäres Problem war Anlass zu überlegen, ob Homeschooling nicht doch auch für die eigene Familie sinnvoll wäre. «Judith hatte als Sandwich-Kind oft das Gefühl, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Als das jüngste Kind, Manuel, in den Kindergarten kam, hatte ich Zeit, mich mehr um sie zu kümmern», berichtet Regula Bott. Versuchsweise nahmen die Eltern das Mädchen nach ihrem dritten Schuljahr ein Jahr aus der Schule. Von diesem Schritt versprachen sie sich auch eine bessere, individuellere Förderung für die Tochter, die bis dahin eher langsam lernte.

Ein Versuch, der überraschend gute Ergebnisse zeigte. «Wir fühlten uns einfach wohl mit dem Homeschooling», beschreibt Regula Bott Judiths viertes Schuljahr. Judith war fröhlich, lernte gut – und Regula Bott traute sich durchaus zu, den Stoff aufzubereiten. «Im vierten Schuljahr sind die Lerninhalte noch gut überschaubar», sagt sie. Ab den Herbstferien wurde auch Judiths ältere Schwester Priska, die damals in der sechsten Klasse war, zu Hause unterrichtet. Der Unterricht zu zweit war nun für Judith abwechslungsreicher. Bald war allen Beteiligten klar: Der Versuch sollte Alltag werden. Als zwei Jahre später der jüngere Bruder Manuel schulreif war, wurde auch er zu Hause eingeschult.

Viele Kontakte zwischen Homeschooling-Familien

Mit der Zeit suchte Regula Bott Kontakte zu anderen Familien, die Homeschooling betreiben. Ein interessanter Austausch begann. «Jede Familie hat ihre andere Art, Homeschooling durchzuführen», sagt sie. Nach und nach gewann die Mutter immer mehr Sicherheit als Lehrerin. Sie lernte die Lehrpläne der einzelnen Fächer in verschiedenen Stufen kennen und entwickelte schon bald Jahresarbeitspläne für ihre Kinder.

Der Staat überprüft die Ergebnisse des Homeschoolings. Drei Mal im Jahr werden die Kinder in einem Schulhaus in Deutsch und Mathe geprüft – Tests, die auch an öffentlichen Schulen durchgeführt werden und sich Klassencockpit (Testsystem zur Qualitätssicherung im Volksschulbereich) nennen. Die Arbeiten werden benotet. Darüber hinaus muss Regula Bott einmal im Jahr einen Lernbericht über ihre Kinder ans Departement Bildung schicken.

Seitdem Manuel und Judith zu Hause unterrichtet werden, haben sie viel gelernt – vor allem, selbstständig und diszipliniert zu arbeiten und sich selbst den Lernstoff einzuteilen. «Viele sagen, wenn ich wie Du den ganzen Morgen zu Hause wäre, würde ich schlafen bis 10 Uhr», erzählt Judith. «Ich stehe aber gerne auf.» Wenn sie und ihr Bruder morgens gefrühstückt haben, gehen sie in ihre Zimmer. Dort besprechen sie mit ihrer Mutter, was sie durcharbeiten sollen. Nur wenn sie nicht weiter wissen, rufen sie ihre Mutter, die ihnen dann auf die Sprünge hilft. Muss etwas im Internet recherchiert oder am Computer getippt werden, nutzen sie den Computer-Arbeitsplatz im Flur.

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