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Waldschule: Lernen zwischen Bäumen und Sträuchern

Viele Kinder sind gerne in der Natur. Wieso also nicht die Schule nach draussen verlegen? Ein Besuch in der Waldschule Baden zeigt, welche Auswirkungen diese Schulform auf die Entwicklung der Schüler hat.

In der Waldschule lernen die Kinder in kleinen Gruppen im freien Gelände.

In kleinen Gruppen lernen Kindergarten- und Schulkinder gemeinsam. (Bild: tinozafirov/iStock, Thinkstock)

Gut ausgerüstet mit festem Schuhwerk, Hosen, Jacken und Mützen, die gegen Regen und Sonne schützen, laufen die Kinder von der Bushaltestelle nahe der Waldschule zu ihrem «Klassenzimmer». Begleitet werden sie von einer Betreuerin, die sie immer wieder antreibt: «Los, weiter geht’s. Kommt, nicht stehen bleiben», ermahnt Romina Grolimund. Doch die Kinder brauchen ihre Zeit. Sie sind neugierig und wollen alles in ihrer Umgebung erkunden.

Die kleine Lynn möchte zeigen, wie gut sie die Pflanzen am Wegrand kennt: «Das hier ist ein Waldmeister und dort drüben ist ein Buschwindröschen.» Sie kennt die Namen aller Blumen um sich herum und natürlich auch die kleinen Tiere, die sich im Dickicht verstecken.

«Seht mal, ich habe einen Laubfrosch gefangen!», ruft Lynn.

Alle Kinder stürmen herbei und untersuchen das Tier vorsichtig. Dann wird er wieder frei gelassen und sie setzen den Weg fort. Die 26 Kinder lernen im «Klassenzimmer» der Waldschule das gleiche wie andere Kinder in ihrem Alter.

Der Unterricht in der Waldschule richtet sich nach dem kantonalen Lehrplan.

Baumstamm statt Schulbank: Der Unterricht in der freien Natur. (Bild: zVg/naturspielwald)

Für den Unterricht der Lehrerinnen Sibylle Egloff und Iris Wenger ist der Lehrplan des Kantons Aargau ebenso verbindlich wie für die öffentlichen Schulen. Der einzige Unterschied zu einer Regelschule ist die Umgebung, in der die Kinder lernen. Denn statt in einem Klassenzimmer, finden die Schulstunden in freier Natur statt. Und das scheint den Kindern nicht nur zu gefallen, sondern sie lernen dadurch auch ganz nebenbei viel über die Umgebung, in der sie leben.

In der Waldschule lernen Primarschüler und Kindergartenkinder gemeinsam.

Der Wald bietet viel Platz für das alltägliche Begrüssungsritual.

Der Morgen in der Waldschule beginnt mit einem Ritual. Zur Begrüssung stellen sich Lehrerinnen und Schüler in einen Kreis. Gemeinsam singen sie ein Lied. Danach beginnt schon der Unterricht. Noch im Kreis stehend stellt Sibylle Egloff den Kindern einige Fragen. Es ist der «Ameisentag» und so dreht sich auch das kleine Quiz um die geschäftigen Tierchen.

Nach der Einführung geht die Schulstunde in Gruppen von acht bis zehn Schülern weiter, die sich in dem weitläufigen Waldgebiet verteilen. Kindergarten- und Schulkinder lernen dabei immer gemeinsam. Ganz wie in einer normalen Schule erklären die Lehrerinnen den Lernstoff mit Hilfe von Büchern und Bildern.

Das Besondere an dem «Klassenzimmer Wald» ist jedoch, dass die Schüler zudem Anschauungsmaterial direkt um sich herum haben. So kann jeder der Schüler direkt an dem Ameisenhaufen am Rande des «Klassenzimmers» die kleinen Tiere erforschen.

Unterricht im Wald: In der Waldschule gibt es viel zu entdecken.

Im Wald lernen die Kinder ihre Umgebung anhand Anschauungsmaterial kennen. (Bild: zVg/naturspielwald)

Kindern macht das Wetter nichts aus

Dass der Unterricht im Wald – trotz guter Kleidung – nicht immer angenehm ist, gibt Lehrerin Sibylle Egloff unumwunden zu. «Am schlimmsten sind Tage, an denen es kalt ist und dann auch noch regnet», erzählt Lehrerin Sibylle Egloff. «Das ist aber für die Betreuerinnen meist eine grössere Herausforderung als für die Schüler. Die stecken das locker weg.»

Genau wie in einer öffentlichen Schule müssen die Kinder der Waldschule aufpassen und lernen.

Gegen Wind und Wetter geschützt. (Bild: zVg)


Die Schule fällt aufgrund des Wetters nur sehr selten aus. Bei starkem Wind oder Sturm sezt die Waldschule aber auf Sicherheit: «Das wäre zu gefährlich für die Kinder, da Äste von den Bäumen herunterfallen und sie verletzen könnten.» In solchen Tagen greift man dann zu einem Alternativprogramm.

Spezielles Notfalltraining für Lehrerinnen

Für den Notfall sind die Lehrerinnen gerüstet. Ihre genauen Koordinaten liegen bei der Unfallrettung vor, damit die Einsatzkräfte nicht suchen müssen. Und ein möglicher Landeplatz für einen Rettungshelikopter ist auch ganz in der Nähe. «Bis jetzt ist aber noch nie etwas passiert», sagt Egloff. «Gut vorbereitet müssen wir trotzdem sein.» Dafür absolvieren die Klassenlehrerinnen spezielle Erste-Hilfe-Kurse für den Outdoor-Bereich.

Im Wald verteilte Spielgeräte bieten den Waldschülern die Gelegenheit sich auszutoben.

An den Spielgeräten im Wald können die Kinder sich austoben.

Während der Schulstunden sind die Grenzen in der Waldschule klar definiert. Im Unterricht müssen die Kinder aufpassen und sollen sich nicht ablenken lassen. Kleine Gruppen bieten dabei eine gute Möglichkeit, um jeden der Schüler im Auge zu behalten.

Nach der Gruppenarbeit dürfen die Kinder den Wald für sich entdecken und spielen. Während der freien Spielzeit sind die Schüler auf sich gestellt und können sich ohne Vorgaben zwischen Bäumen und Sträuchern bewegen. Sie spielen in Gruppen oder auch alleine, an den im Klassenzimmer angebrachten Schaukeln und Wippen, oder weiter weg im Dickicht.

«Bis jetzt ist noch nie ein Kind verschwunden»

Die einzige Regel ist, dass sie sich nicht zu weit von der Waldschule entfernen. Die Kinder dürfen zwar vorübergehend die Sichtweite der Betreuerinnen verlassen, aber sie müssen in Hörweite bleiben. Das sei auch kein Problem, sagt Sibylle Egloff: «Bis jetzt ist noch nie ein Kind verschwunden. Es ist auch unwahrscheinlich, dass das passiert. Die Kinder fühlen sich wohler in der Nähe der Gruppe.»

Unterricht in der Waldschule bedeutet auch mit anzufassen.

Während der freien Spielzeit können die Kinder ihrer Phantasie freien Lauf lassen.

Der Verein naturspielwald und die Lehrerinnen sind nicht die einzigen, die sich für die Waldschule engagieren. Auch die Eltern sind mit eingebunden. Jeden Tag begleitet ein Elternteil die Kinder im Bus und wenn an der Waldschule mal etwas umgebaut werden muss, dann helfen die Eltern mit.

Die Einbindung der Mütter und Väter ist eine Grundvoraussetzung und wichtiger Bestandteil des Konzepts. Die Waldschule ist für die Eltern zwar zeitintensiver als eine normale Schule. Doch Mütter wie Ursula Staubli machen das gern: «Die Waldschule ist für meine beiden Kinder Noe und Chiara genau das Richtige», sagt sie. Und selbst, wenn die Kleider der zwei nach einem Regentag im Wald vor Dreck stehen und sie Mühe hat, alles wieder sauber zu bekommen, ist sie überzeugt: «Der Aufwand lohnt sich, denn die Vorteile der Waldschule überwiegen deutlich.»

«Im Wald macht Schule viel mehr Spass» – Schüler Noe

Und diese Vorteile zeigen die Kinder anscheinend auch anhand ihrer Entwicklung, wenn sie in eine normale Schule wechseln. «Wir hören immer wieder, dass unsere ehemaligen Schüler über ein sehr gutes Konzentrationsvermögen und eine gute Wahrnehmung ihrer Umwelt verfügen. Ausserdem denken sie lösungsorientiert und sind sehr kreativ», sagt Lehrerin Sibylle Egloff.

Auch von den Kindern würde keines die freie Natur mit einer normalen Schule tauschen. Denn obwohl die Primarschüler unter ihnen zusätzlich zweimal wöchentlich im nahegelegenen Dorf Münzlihausen in dem Raum eines Schulhauses unterrichtet werden, lernen sie lieber im Freien. «Im Wald macht Schule viel mehr Spass als im Klassenzimmer.» sagt Schüler Noe.

Mehr Informationen zur Waldschule Baden

Im März 2000 begann das Projekt naturspielwald mit einer Waldspielgruppe. Wegen stetig steigender Nachfrage folgte 2004 der Waldkindergarten. Schnell wurde jedoch klar, dass das Angebot sich erweitern sollte. So wurde 2008 die Waldschule ins Leben gerufen. Heute sind rund 170 Kinder als sogenannte «Füxe», Waldspielgruppenkinder, Kindergärtler oder Schüler im Wald unterwegs.

Die Waldschule schliesst Kinder vom Kindergartenalter bis in die zweite Klasse ein. Danach müssen sie auf eine andere Schule wechseln. Die Altersspanne ist bewusst so gesetzt. «In diesem Alter können die Kinder gut miteinander und auch voneinander lernen. Bei grösseren Altersunterschieden wird der gemeinsame Unterricht schwieriger», erklärt Verena Speiser, Präsidentin des Vereins Naturspielwald (Anmerkung der Redaktion: Verena Speiser ist aktuell nicht mehr Präsidentin des Vereins).

Weitere Informationen finden sich auch auf der Webseite des Vereins.