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Ist die Erziehung in Frankreich wirklich besser?

Französische Kinder haben die besseren Manieren. Ihre Eltern sind wesentlich entspannter und das Kind steht nicht wie bei uns ständig im Mittelpunkt. So zumindest scheint es. Doch nicht alles in der Erziehung in Frankreich ist perfekt.

Erziehung in Frankreich: Familien geniessen den gemeinsamen Spaziergang

Französische Familien nehmen es in der Erziehung gelassener. Foto: Pojoslaw, iStock, Thinkstock

Wer in Frankreich Ferien gemacht hat, kennt das. Grosse Familien sitzen beim Essen um einen Tisch, die Kinder dabei, ohne zu dominieren, ohne zu schreien oder das Essen über den Tisch zu prusten. Erwachsene wie Kinder sind schön angezogen, und alle scheinen beneidenswert gut gelaunt zu sein. Während Eltern Gelassenheit ausstrahlen, zeigen die Kinder meist gute Manieren und begegnen Erwachsenen mit Höflichkeit. Kurz gesagt: die perfekte Familie. Doch sind französische Eltern tatsächlich entspannter? Was machen sie in der Erziehung anders?

Gelassenheit in der Kindererziehung

Was Familien aus Frankreich ausmacht, erklärt Angelika Joeres, Autorin des Buches «Vive la famille». Vielleicht, so schreibt sie, hätte sie in Deutschland nie Kinder bekommen. Vielleicht hätte sie stattdessen nur ihre Karriere verfolgt. Doch nun, wo sie in Frankreich lebt, «haben die vielen entspannten französischen Familien mich mit ihrer Leichtigkeit angesteckt. Sie machen Lust auf Nachwuchs.» In Frankreich sei der Blick auf die eigenen Kinder selbstverständlicher und unaufgeregter, der Egoismus der Eltern gesund und das Zutrauen in den eigenen Nachwuchs relativ gross.

Hohe Geburtenrate in Frankreich

Während französische Frauen durchschnittlich mindestens zwei Kinder bekommen, liegt die Geburtenrate in der Schweiz nur bei 1,5 Prozent. «Französische Paare sind mutiger», schreibt Joeres deshalb. Es gebe viele Gründe dafür, warum die Franzosen so viele Kinder wollen, und diese lägen nicht nur in der problemlosen Betreuung.

Es sei vor allem das geringere Mass an Perfektionismus, das mehr Gelassenheit in die Erziehung in Frankreich bringe, betont Joeres. Das, so scheint es, gelingt dadurch, dass in Frankreich eher die Tendenz herrscht, die Bedürfnisse der Kinder nicht über die Bedürfnisse der Eltern zu stellen. «Der französische Clou: la pause, Warten lernen, Frustrationstoleranz entwickeln», beschreibt die Wochenzeitung «Die Zeit» die Einstellung vieler französischer Eltern zur Kinderziehung, die auch in der französischen Schweiz oft spürbar ist. Darüber hinaus warten Joeres zufolge französische Familien tendenziell weder auf den perfekten Zeitpunkt zum Kinderkriegen, noch plagen sie sich in der Kindererziehung mit einem schlechten Gewissen herum. Und freie Zeit verbringen sie nicht nur mit ihren Kindern.

Erziehung in Frankreich in der Kritik

Die tendenzielle Gelassenheit französischer Eltern zur Kindererziehung ist nicht unbedingt erstrebenswert, darauf weisen Kritiker hin. Sie hilft möglicherweise Eltern, das Leben mit Kindern leichter zu machen und mehr Kinder in die Welt zu setzen als in anderen europäischen Ländern. Doch sie ist nicht unbedingt geeignet, Kindern zu helfen, sich frei und fröhlich zu entwickeln. So beklagt Sibylle Lüpold, dreifache Mutter, Stillberaterin und Autorin eine autoritäre Erziehung in Frankreich. Im Tagesanzeiger berichtet sie von klaren Ansagen, Drohungen und Schlägen.

«Angenommen, französische Kinder sind tatsächlich «besser erzogen» (was auch immer das heisst) als andernorts, so frage ich mich ernsthaft, weshalb in Frankreich die Jugendgewalt so hoch ist?», schreibt sie. «Wie kommt es, dass aus lauter Vorzeigekindern nicht automatisch nur Vorzeigejugendliche werden? Oder erzeugt frühe Disziplin längerfristig das Gegenteil?» Weitgehende Einigkeit herrscht unter Erziehungsexperten darüber hinaus, dass Manieren und Höflichkeit nicht zu den wichtigsten Erziehungszielen zählen. Authentizität, Lebensfreude und ein positives Selbstbild und Selbstvertrauen sind weitaus wichtiger, um als Erwachsener erfüllt leben zu können.

Andere Kritiker zweifeln an, dass französische Mütter tatsächlich wenig perfektionistisch sind. Gerade in Frankreich scheinen Frauen unter erheblichem Druck zu stehen. Sie haben nicht nur relativ viele Kinder, sie arbeiten in der Regel auch Vollzeit und kehren schon wenige Monate nach der Entbindung zurück in den Beruf. Offensichtlich nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen. So schrieb die Wochenzeitung «Die Zeit» von einem «gesellschaftlichen Konsens, nach dem das Ansehen einer Frau steigt, wenn sie kurz nach der Geburt ihres Kindes wieder beruflich einsteigt, es aber rapide sinkt, wenn eine Mutter entscheidet, mit ihrem Kind zu Hause zu bleiben – und sei es nur für ein oder zwei Jahre.» Sind Kinder in Frankreich nicht oft einfach nur Etikette, Statussymbol, neben anderen Statussymbolen?» formulierte die Zeitung provokativ.

Es kommt auf das Mass an

Manches, was in der französischen Erziehung wie Gelassenheit wirkt, ist ein Ergebnis von mehr Strenge und einem Weniger an Aufmerksamkeit für die Kinder. Doch Kinder brauchen Verständnis und Aufmerksamkeit der Eltern. Das richtige Mass zu finden, ist nicht immer leicht. Bedürfnisse von Kindern müssen nicht – wie manchmal in Frankreich – weniger gelten als die der Eltern. Sie müssen auch nicht – wie in der Schweiz oder in Deutschland häufig erlebt – so viel mehr gelten. Gleichwertigkeit ist ein gutes Mass für eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

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