Untersuchungen in der Schwangerschaft sind kein Muss

Eine Schwangerschaft bringt nicht nur Freude, sondern auch Sorgen mit sich. Beim Frauenarzt müssen Paare mitunter schwierige Entscheidungen treffen. Vor allem, wenn es darum geht, ein gesundes Kind zu bekommen. Wie Paare reagieren sollten, wenn Ärzte pränatale Diagnostik empfehlen, erklärt Andrea Fenzl von der unabhängigen und anerkannten Beratungsstelle appella.

Untersuchungen in der Schwangerschaft

Alle Fragen zur pränatalen Diagnostik besprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt. Foto: Creatas, Thinkstock

Im Jahr 2000 schätzte Professor Mario Litschgi, damals Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, gemäss einem Artikel der Zeitschrift «Gesundheitstipp», dass Schweizer Ärzte 70 bis 80 Prozent aller Schwangerschaften als Risikoschwangerschaft einstufen. Frauen mit einer Risikoschwangerschaft bekommen viele Untersuchungen von der Krankenkasse bezahlt, die bei einer normalen Schwangerschaft nicht bezahlt würden. Dazu gehören vor allem die Untersuchungen der pränatalen Diagnostik wie Chorionbiopsie oder Fruchtwasserpunktion. Damit wollen Ärzte herausfinden, wie hoch das Risiko ist, dass ein Kind behindert auf die Welt kommt.

Paare stellen diese Untersuchungen vor schwierige Entscheidungen. Manche holen sich dann bei appella, einer unabhängigen Zürcher Telefon- und Online Beratung zu Verhütung, Schwangerschaft, Kinderlosigkeit und Wechseljahre Hilfe. Andrea Fenzl ist Hebamme und berät diese Paare. Familienleben.ch hat sie für ein Interview getroffen.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass sich Paare heute stärker als früher unter Druck setzen, wenn es um die Frage geht, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen?

Ja, das ist auf alle Fälle so. Für mich persönlich hat das unterschiedliche Gründe. Zum einen sind viele Paare verunsichert. Sie wissen nicht, was sie machen sollen, wenn das Kind behindert ist. Man weiss gar nicht mehr so viel über Förderungen und Hilfe für Familien mit behinderten Kindern. Zum anderen kommt ein ganz grosser Druck von aussen durch die neuen Möglichkeiten der Medizin. Ab einem bestimmten Alter oder bei bestimmten Voraussetzungen wird ein extremer Druck auf die Paare ausgeübt, Untersuchungen durchführen zu lassen. Und es gibt den Druck von der Gesellschaft. Wie hoch ist denn die Akzeptanz für Menschen, die ein bisschen anders sind? Es kommt vor, dass sich Eltern von behinderten Kindern heute anhören müssen, das wäre aber nicht nötig. Wenn Ärzte zu bestimmten Untersuchungen raten, müssen Paare die Entscheidung treffen, entweder eine ursprünglich gewollte Schwangerschaft abzubrechen oder mit einem behinderten Kind zu leben. Dies führt oft zu einer Überforderung. Eine solche Entscheidung ist durch die medizinischen Möglichkeiten neu, vor 50 Jahren mussten Paare solche Entscheidungen nicht treffen.

In welchen Fällen wird ein Arzt oder die Hebamme pränatale Diagnostik, Untersuchungen zur Abklärung von Krankheiten oder Missbildungen, vorschlagen?

Dazu gibt es einen ganzen Risikokatalog. Ein Risiko ist das Alter der Frau und des Vaters. Eine Erstgebärende über 35 Jahre gilt als Risikoschwangere. Ausserdem gelten als Risiken, wenn sich Auffälligkeiten in den Untersuchungen vorher zeigen, beim Ultraschall, in den Blutwerten, wenn es familiäre Häufungen von Behinderungen gibt, viele Fehlgeburten oder Infektionen in der Frühschwangerschaft. In der Schweiz werden mehr als 80 Prozent der Schwangerschaften als Risikoschwangerschaften eingestuft. Es geht darum, dass die Krankenkassen die Untersuchungen bezahlen und der Arzt bei jedem Besuch eine Ultraschalluntersuchung machen kann. Wir Hebammen sind da zurückhaltender. Wir bieten Schwangerschaftsvorsorge ohne Pränataldiagnostik an. Ich erlebe es häufig, dass von der medizinisches Seite der Druck da ist, die Untersuchung durchführen zu müssen. Auf der anderen Seite sagen wir von appella den Frauen: Ihr seid nicht verpflichtet, diese Untersuchungen durchführen zu lassen. Der Ersttrimester Test, der unter anderem das Risiko für ein Down-Syndrom feststellt, wird zum Beispiel häufig einfach gemacht. Zum Teil werden die Frauen vorher gar nicht gefragt und es wird im Vorfeld nicht aufgeklärt. Viele Frauen sind da hinein geschlittert. Sie wussten gar nicht, um was es geht. Das finde ich fahrlässig von den Ärzten. Die Leute werden verunsichert, selbst wenn sie sich entschieden haben, dass sie auch ein behindertes Kind haben wollen.

Die meisten Paare sind bestimmt so unsicher, weil sie nicht beurteilen können, ob eine Untersuchung sinnvoll ist. Ihnen fehlt das fachliche Wissen. Wie sollten werdende Eltern reagieren?

Das ist wirklich schwierig. Ich finde, da sind Paare in einem Dilemma. Zumindest würde ich allen ans Herz legen, unbedingt nachzufragen: Warum wird diese Untersuchung gemacht? Was ist der Zweck? Was wären die Konsequenzen? Da müssen Sie eine Aufklärung verlangen. Oft soll es ja sehr schnell gehen. Da ist es schon schwierig, sich durchzusetzen und zu sagen: Halt. Stopp. Ich will wissen, was Sie machen und welche Risiken die Untersuchung hat.

Haben Patienten das Recht auf Bedenkzeit?

Ja, im Gesetz steht, dass eine angemessene Bedenkzeit zwischen der Beratung und der Durchführung liegen muss. Für eine umfassende und kompetente Beratung hat der Gesetzgeber gesagt, dass es unabhängige Beratungsstellen wie appella braucht. Unabhängig deswegen, weil hinter diesen Untersuchungen Interessen stehen. Es gibt eine Gerätemedizin, die wollen ihre Ultraschallgeräte oder Punktionsnadeln loswerden. Auch Ärzte wollen gern verdienen. Wenn ich als Arzt Frauen grosszügig in Risikoschwangerschaften einteile, habe ich ganz andere Möglichkeiten. Deshalb ist es ganz wichtig, unabhängige Beratungsstellen zu haben. Oft rufen Frauen völlig verunsichert bei uns an und erzählen immer wieder vom Zeitdruck. Es wird so ein Druck aufgebaut, das finde ich wirklich unangenehm. Als Patient habe ich immer noch das Recht auf ein Nichtwissen. Ich muss diese Untersuchungen nicht machen.

Das wissen aber sicherlich viele nicht.

Ja, genau.

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