Baby > EntwicklungVon Late Talkern und Late Bloomern: Sprich mit deinem Kind – und wann zur Abklärung Sigrid Schulze Schon zwei Jahre alt, aber immer noch sehr sparsam mit den Worten? Ob Eltern von Late Talkern und Late Bloomern sich Sorgen machen müssen, weiss Sylvia Bieri, Vizepräsidentin des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbandes (DLV). Im Interview erklärt sie zudem, wie Eltern die Sprachentwicklung des Kindes fördern können. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Späte Sprecher: Ob ein Kind den sprachlichen Rückstand von allein aufholt, zeigt sich erst im Verlauf. Bild: AaronAmat iStock, Getty Images Auf einen Blick: Wann eine Abklärung ansteht Fachleute sprechen von «Late Talkern», wenn ein Kind mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter aktiv spricht und noch (fast) keine Wortkombinationen bildet [1]. Rund 15 Prozent der Kinder beginnen erst zwischen dem 18. und dem 24. Monat zu sprechen, obwohl sie sich in den anderen Bereichen altersgemäss entwickeln [1]. Der Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband (DLV) rät ab dem 24. Monat zu einer Beratung, wenn der Wortschatz deines Kindes nur sehr wenige Wörter umfasst, wenn es keine Zweiwortsätze wie «Mama da» oder «Auto weg» bildet, wenn es meistens unverständlich spricht oder wenn du das Gefühl hast, es versteht Aufforderungen nicht [2]. Ob ein Kind den Rückstand von allein aufholt, lässt sich im Einzelfall nicht vorhersagen [1]. Abwarten ohne Abklärung ist deshalb keine sichere Option. Erste Anlaufstellen sind die Kinderärztin oder der Kinderarzt, die Mütter- und Väterberatung sowie logopädische Beratungsstellen [2]. Wie du in der Schweiz zu einer Abklärung kommst, liest du im Beitrag Wann muss mein Kind zur Logopädie? Sprechen mit zwei Jahren: was üblich ist Frau Bieri, was sollten Zweijährige schon sprechen können? Die Sprachentwicklung verläuft bei allen Kindern unterschiedlich schnell. In der Regel bilden sie um den zweiten Geburtstag herum Zweiwortsätze wie zum Beispiel «Ball weg», was «Der Ball ist weggerollt» bedeutet, oder «Kuh essen», also «Die Kuh frisst». Sie drücken sich zu Beginn der Sprachentwicklung vor allem mit Wörtern aus, die für die Kommunikation wichtig sind. Kleine Wörter, wie zum Beispiel «der», «die» und «das» werden weggelassen. Kleine Kinder gebrauchen auch noch die Grundform der Verben und sie vereinfachen Wörter, sagen zum Beispiel «Fant» für «Elefant». Dass ein Kind in diesem Alter noch nicht alles verständlich spricht, ist normal. Müssen sich Eltern Sorgen machen, wenn das Kind zwei oder mehr Jahre alt ist, aber fast nicht spricht? Wichtig ist, dass das Kind einen guten Blickkontakt hat zu demjenigen, der jeweils mit ihm spricht. Dieser Blickkontakt wird als triangulär, also dreieckig, bezeichnet, weil er das Ich des Kindes, die sprechende Person und den Gegenstand miteinander verbindet. Der Blickkontakt bildet die Grundlage dafür, Sprache zu verstehen. Ein Beispiel: Ein Kind hört von der Mutter einen Begriff oder eine Aufforderung wie «Hol die Gabel!». Es schaut die Gabel an, dann wandert der Blick zur Mutter, um nachzuprüfen, wie sie das gesagt hat und ob sie es allenfalls sogar nochmal genau gleich sagt. Blickkontakt und Sprachverstehen sind somit wichtige Kriterien für eine erfolgreiche Sprachentwicklung. Late Bloomer oder Late Talker: der Unterschied Können Kinder Sprache aufholen? Es gibt Kinder, die erste Wörter erst im Alter von zwei oder zweieinhalb Jahren sprechen. Diese Kinder werden in zwei Gruppen eingeteilt: Late Bloomer und Late Talker. Die Late Bloomer holen den Rückstand selbstständig auf und entwickeln sich danach normal. Die Late Talker holen die Sprache dagegen nicht selber auf. Sie brauchen eine logopädische Therapie, um die Sprachentwicklungsstörung zu überwinden. Sind Eltern unsicher, in welche der beiden Gruppen ihr Kind gehört, sollten sie sich an eine Logopädin oder einen Logopäden wenden. Wie kann eine logopädische Therapie helfen? Nach einer logopädischen Abklärung wird zunächst gemeinsam mit den Eltern über eine Therapie entschieden. Bei Vorschulkindern ist es in vielen Fällen sinnvoll, die Therapie zweimal wöchentlich durchzuführen. Die Logopädin oder der Logopäde setzt mit der Therapie am Entwicklungsstand des Kindes an. Hat ein Kind zum Beispiel noch keinen Blickkontakt, wird die Logopädin im Spiel den Blickkontakt anbahnen. Ausserdem berät sie die Eltern, wie sie ihr Kind im Alltag beim Sprechenlernen ebenfalls unterstützen können. Ergänzung der Redaktion: Ob ein Kind zu den Late Bloomern gehört, zeigt sich sicher erst im Rückblick. Eine verlässliche Prognose, welches Kind den Rückstand spontan aufholt und welches nicht, gibt es im Einzelfall nicht [1]. Je nach Studie holt nur rund ein Drittel bis knapp die Hälfte der späten Sprecher den Rückstand bis zum dritten Geburtstag von allein auf; bei mehr als der Hälfte entwickelt sich aus dem verzögerten Sprechbeginn eine Spracherwerbsstörung [1][3]. Als ungünstige Zeichen für ein spontanes Aufholen gelten ein eingeschränktes Wortverständnis, deutlich unterdurchschnittliche sprachproduktive Fähigkeiten, eine ausbleibende Aufholtendenz bis 2,5 Jahre sowie eine familiäre Vorbelastung für Sprach- oder Lese-Rechtschreibstörungen [1]. Die interdisziplinäre Leitlinie zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen empfiehlt: Hat ein Kind mit zwei Jahren einen geringen Wortschatz, soll innerhalb von drei Monaten eine Nachkontrolle erfolgen, spätestens mit 27 Lebensmonaten. Besteht der Rückstand dann weiter, sollen Sprachproduktion und Sprachverständnis, die sozial-kommunikativen und die nonverbal-kognitiven Fähigkeiten sowie das Hörvermögen gründlich untersucht werden [1]. Wie du die Sprachentwicklung im Alltag unterstützt Lernen Mädchen schneller sprechen als Jungen? Es sind mehr Jungen von Sprach- und Kommunikationsstörungen betroffen. Ob Mädchen aber schneller als Jungen sprechen lernen, dazu ist uns keine Forschung bekannt. Sollten Eltern das Sprechenlernen fördern? Ja, und zwar indem sie im Alltag viel mit dem Kind sprechen! Eltern können über Dinge reden, die gerade geschehen oder bereits vorbei sind. Dabei hilft es, die Kinder in Alltagstätigkeiten und -geschehnisse miteinzubeziehen. Wichtig ist, dass Eltern schon sehr früh mit den Kindern Bilderbücher anschauen oder Bilderbücher erzählen. Warum sind Bilderbücher hilfreich? Beim Erzählen von Bilderbüchern bieten Eltern Sprache an und verbinden sie mit Bildern. Die Eltern sind hier ein gutes Sprachmodell. Dabei sollten Eltern nicht nur «Was ist das?» fragen, sondern auch besprechen, was gerade im Buch geschieht. «Wo ist der Bär?» «Findest du den roten Ball?», «Oh schau, da fliegt gerade der Ballon weg. Oje! Meinst du, sie finden ihn später wieder?» So kann das Kind eigene Ideen entwickeln und versuchen, sie sprachlich auszudrücken. Auch Versli und Singen unterstützen die Sprachentwicklung. Ergänzung der Redaktion: Auf das Wie kommt es dabei mehr an als auf die Menge. Gut gemeinte Reaktionen — das Kind zum Nachsprechen aufzufordern etwa oder ihm das Gewünschte vorzuenthalten, bis es das passende Wort sagt — helfen ihm nicht weiter. Im Gegenteil: Das Kind kann die Alltagskommunikation als anstrengend und wenig erfolgreich erleben und sie in der Folge meiden [1]. Hilfreich ist ein responsives Verhalten: auf das Interesse des Kindes achten, seine kommunikativen Signale beantworten, langsam und deutlich sprechen, zentrale Wörter betonen und Pausen lassen [1]. Bei einem verzögerten Spracherwerb gilt ein strukturiertes Elterntraining als Mittel der ersten Wahl [1]. Wie viel das bewirkt, zeigt eine Längsschnittstudie: Mit drei Jahren hatten 75 Prozent der Kinder, deren Eltern geschult worden waren, den sprachlichen Rückstand aufgeholt — gegenüber 44 Prozent ohne Elternschulung [1]. Ist neben dem Sprechen auch das Sprachverständnis beeinträchtigt, reicht die Schulung der Eltern allein allerdings nicht aus; dann braucht es ergänzend eine kindzentrierte Sprachtherapie [1]. Warum das gemeinsame Vorlesen dabei so viel bringt, liest du hier. Wann du fachliche Abklärung suchen solltest In welchen Fällen sollten sich Eltern an den Kinderarzt wenden? Wenn Kinder mit ungefähr zwei Jahren noch keine Zweiwortsätze sprechen, nur sehr wenige Wörter zur Verfügung haben oder Sprache schlecht verstehen, ist auf jeden Fall eine logopädische Abklärung nötig. Der Kinderarzt kann Adressen vermitteln. Eltern können in vielen Kantonen auch direkt mit einem Logopäden Kontakt aufnehmen. Auf der Website www.logopaedie.ch gibt es Adressen und Kontaktdaten. Ergänzung der Redaktion: Logopädinnen und Logopäden sind in der Schweiz zuständig für Abklärung, Beratung und Therapie bei Kleinkindern, die gar nicht sprechen, deren Sprachentwicklung verzögert ist oder die unverständlich sprechen [4]. Adressen freipraktizierender Fachpersonen führen die kantonalen Verbände [4]. Eine logopädische Therapie ist ein Bildungsangebot und freiwillig [4]. Sylvia Bieri war zum Zeitpunkt des Interviews seit 2013 im Vorstand und seit 2018 Vizepräsidentin des Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverbandes (DLV). Sie arbeitet im Kanton Schwyz als Logopädin. Dort sind die Logopädinnen und Logopäden für Kinder von 0 bis 19 Jahren zuständig. Weitere Informationen und einen Flyer findest du hier: www.logopaedie.ch/kleinkinder Das Interview erschien erstmals im September 2020. Die mit «Ergänzung der Redaktion» gekennzeichneten Abschnitte und der Kasten am Anfang wurden im August 2026 hinzugefügt. Quellen Buschmann, Anke: Late Talker: Zweijährige mit deutlich eingeschränktem Wortschatz. Abwarten – Elterntraining – Sprachtherapie? Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 31, 02/2025 (abgerufen am 10.08.2026). Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband (DLV): Informationsflyer «Wie spricht mein Kind?», überarbeitete Auflage 2023 (PDF, abgerufen am 10.08.2026). Praxis für kleine Kinder, Winterthur: Spätzünder oder sprachgestört? (abgerufen am 10.08.2026). Deutschschweizer Logopädinnen- und Logopädenverband (DLV): Kleinkinder (abgerufen am 10.08.2026).