Direkte Begegnungen und Anrufe sind Herausforderungen für schüchterne Kinder

Kleine Vortragsübungen helfen gegen Schüchternheit.

Die «Trainierenden» mussten als Hausaufgabe kleine Vorträge vorbereiten.

Im zweiten Teil der Trainingsstunde erhalten die Kinder den Auftrag, eine ihnen unbekannten Person aus dem Institut oder eine erwachsene Person aus ihrem Umfeld anzurufen. «Viele schüchterne Kinder haben nicht nur im direkten Kontakt mit Menschen Hemmungen, sondern auch via Telefon», erklärt Stöckli diese Übung. Franziska ruft bei einer Schulkameradin zuhause an und fragt die Mutter, ob ihre Kollegin gerade zu sprechen sei. Sie klammert sich mit beiden Händen ans Telefon, scheint zu Beginn nervös, schlägt sich letztendlich aber wacker.

Im nächsten Schritt erkundet die kleine Gruppe das Haus im Zürcher Universitätsquartier und erhält die Aufgabe, eine Bibliothekarin oder eine Sekretärin offen anzusprechen. Eines der Kinder fragt die Sekretärin nach nur kurzem Zögern nach der nächsten Tramhaltestelle. «Bei schönerem Wetter gehen wir mit den Kindern auch nach draussen, wo sie jemanden zum Beispiel nach dem Weg fragen müssen», so Stöckli.

Sowohl bei den Test-Anrufen als auch beim direkten Gespräch mit den Angestellten im Institut scheint kein Kind Opfer seiner Schüchternheit zu werden. Keines macht einen Rückzieher, jedes geht tapfer mit seinen Hemmungen um. Gibt es denn nie heikle Situationen, in denen die Kinder sich weigern, mitzumachen? Georg Stöckli verneint. «Die Kinder haben zu Beginn der zehn Trainingsstunden einen Vertrag unterschrieben, mit dem sie versicherten, bei den Übungen mitzumachen und ihre Aufträge zu erfüllen. Deshalb denke ich, kann man das soziale mit dem körperlichen Fitness-Training vergleichen. Vielleicht braucht es zu Beginn einen externen Anstoss, die Trainierenden nehmen aber letztendlich aus eigener Überzeugung teil. Manchmal mögen sie nicht, möchten sich drücken oder haben Rückschläge. Das klare Ziel ist dennoch vor Augen.»

Georg Stöckli: «Wir leben in einer reinen Erfolgsgesellschaft»

Georg Stöckli will Kindern helfen, mit Schüchternheit in der Schulklasse umzugehen.

«Wir leben in einer Selbstdarstellungs-gesellschaft»

Georg Stöckli, der vor einigen Jahren das Konzept «Soziales Fitness-Training» entwickelt hat und im vergangenen Jahr bereits einmal durchführte, ist nach wie vor von der Bedeutsamkeit seines Programms überzeugt. Die Ergebnisse des ersten Durchgangs, die er Kinder, Eltern und Lehrer in Einschätzungsberichten festhalten liess, sind positiv. Kinder fühlen sich im Schulalltag sicherer, Lehrer sind zufriedener mit ihrer mündlichen Beteiligung, Eltern sind erleichtert. Das «Soziale Fitness-Training» sei ein willkommenes Angebot und solle es weiterhin bleiben, so Stöckli. «Wir leben in einer Selbstdarstellungsgesellschaft. Wer sich nicht präsentieren kann, hat keinen Erfolg, geht unter. Wir können nichts dagegen tun – es ist eine festgefrorene westliche Norm. Wir können lediglich Kindern helfen, damit umzugehen.»

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert

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Die Entstehung von «Social Fitness Training» für schüchterne Kinder

Die Idee für sein «Soziales Fitness-Training» holte sich Georg Stöckli bei Lynne Henderson, Direktorin des «Shyness Institute» der Stanford University. Die Amerikanerin leitet in Stanford zudem auch die «Shyness Clinic», die Therapiefälle im Bereich der Schüchternheit behandelt. Ihre langjährige Forschung in Sozialpsychologie und Verhaltensstrukturen von stabil schüchternen Menschen führte zur Entwicklung des «Social Fitness Training» Modells. Auf shyness.com bietet sie Infomaterialien und Online-Handbücher zum Thema an.

Für das kostenlose Zürcher «Soziale Fitness-Training» können Sie Ihr Kind mit folgendem Formular anmelden: ife.uzh.ch (PDF)
Zusätzliche Infos erhalten Sie bei Georg Stöckli (Mail).

Text und Fotos: Sabrina Stallone im Dezember 2011

 

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