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Leben > Konflikte

Solltest du mit deinem Kind über den Krieg sprechen? Ja, aber...

Was derzeit in der Ukraine passiert, macht Angst. Aber auch wenn wir uns um unsere Kinder sorgen: Angst haben vor allem wir Erwachsenen. Kinder- und Familienpsychologe  Philipp Ramming erklärt, warum es wichtig ist, mit Kindern über den Krieg und seine Folgen zu sprechen. Aber erst, wenn wir unsere eigenen Gefühle und Informationen eingeordnet haben und nur, wenn Kinder dies auch tatsächlich wollen und brauchen. Wie du die Situation erklärst und auf Ängste reagierst. 

Mädchen sitzt auf Schaukel in einer düsteren, heruntergekommenen Gegend.
Schaukeln, auch wenn die Welt verrückt spielt: Kinder sind bis zu einem gewissen Alter vor allem an ihrem Alltag interessiert.  © Unsplash, Artem Maltsev

Zerbomte Wohnhäuser, Panzerkolonnen, Putin, der seine Nuklearwaffen bereit macht. Die Bilder und Nachrichten aus der Ukraine erschrecken, sie machen Angst und beschäftigen. Auch Kinder bekommen mit, was passiert oder zumindest dass etwas passiert. Was sagen wir ihnen? Wir haben Phillipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe und Experte für Konfliktbewältigung im Kindesalter, um Rat gefragt. 

Phillipp Ramming

Phillipp Ramming arbeitet seit fast 30 Jahren als Kinder- und Jugendpsychologe. Er ist Experte für Konfliktbewältigung und Lebenskrisen im Kindes- und Jugendalter. Ausserdem war er mehrere Jahre als Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP) tätig. 

Herr Ramming, wie erklären wir Kindern, was in der Ukraine gerade vor sich geht? 

Bevor wir unserem Kind die Situation erklären, müssen wir uns über unsere eigenen Gefühle und Fragen klar werden. Sonst befriedigen wir damit nur unsere persönlichen Bedürfnisse: Indem wir unseren Kindern die Geschehnisse erklären und beschwichtigen, versuchen wir, uns selbst zu beruhigen und zu versichern. 

Wir sollten Kinder kein Konfliktthema aufdrängen, wenn es in ihrem Alltag nicht relevant ist.

Sollten wir also besser nicht über den Krieg sprechen?

Doch – auf jeden Fall. Aber nur, wenn das Kind dies braucht und will und dann nur in dem Ausmass, indem es dies braucht. Dies ist je nach Alter sehr unterschiedlich. Eltern müssen erst herausfinden, ob und wie die Geschehnisse das Kind beschäftigen und welche Antworten es von ihnen braucht. 

Heisst das, man soll Kinder nicht proaktiv über den Krieg in der Ukraine und die aktuelle Gefahr aufklären?

Eltern sollten ihrem Kind kein Thema «aufdrängen», von dem es sich nicht betroffen fühlt. Vor allem kleine Kinder interessieren sich hauptsächlich für ihren Alltag – sie wollen spielen, essen, schlafen, etwas erleben. Der Krieg in der Ukraine und die Lage in Europa ist für sie nicht von Interesse. Es ist trotzdem wichtig, dass wir aufmerksam sind und merken, ob und wann das Kind etwas mitbekommen hat zum Thema. Ist dies der Fall müssen wir seine Fragen und Bedürfnisse wahrnehmen. Sobald ein Kind im steten Austausch mit anderen Kindern ist, also spätestens im Schulalter, wird es vermutlich auch mit dem Weltgeschehen konfrontiert. Eltern müssen dann Orientierung bieten, Informationen einordnen und erklären.

Buchtipp Krieg

Mama, was genau ist ein Krieg? 
Bilderbücher helfen dabei, solche Fragen kindgerecht zu erklären. Zum Beispiel das Buch «Wie ist es, wenn es Krieg gibt?» von Louise Spilsbury.aus der Reihe «Grosse Fragen kindgerecht erklärt».

Wie machen wir das am besten?

Offen, ehrlich und kindgerecht. Sagen Sie Ihrem Kind die Wahrheit - auch wenn sie unangenehm, schrecklich und schwierig zu erklären ist. Vor allem aber: Zeigen sie auf, dass es Lösungen und eine Zukunft gibt. Schwierige Zeiten bieten auch Chancen. Jetzt können Sie Ihrem Kind zeigen, dass Sie in jeder Lebenslage eine vertrauensvolle Ansprechperson sind. Das Kind soll spüren, dass es mit seinen Sorgen und Gefühlen nicht alleine ist, dass Sie da sind und dass alles gut wird.

Kinder-News: Das Weltgeschehen kindgerecht erklärt

Wenn es ein Kind genauer wissen will, können spezielle Kinder-News hilfreich sind. Verschiedene Medien haben ein kindgerechtes Nachrichtenangebot – unter anderem auch das SRF. Zu den Kinder-News des SRF geht es hier

Tipp vom Experten: Auch wenn es eine Sendung für Kinder ist, sollten sie sich Eltern zuerst alleine anschauen, um zu verhindern, dass eine Überforderung entsteht. Begleiten Sie Ihr Kind: «Schauen Sie sich den Beitrag danach gemeinsam an und diskutieren Sie das Gesehene», rät Philipp Ramming.

Das kling gut - nur wie erklärt man kindgerecht, was Krieg bedeutet?

Brechen Sie die grossen Weltthemen herunter: Bei einem Krieg geht es um Streit, um Konflikte, um Gewalt und Tod. Mit diesen Begriffen können auch schon kleinere Kinder etwas anfangen. Nutzen Sie die Chance, in diesem Moment auch über Moral und Ethik zu sprechen und dem Kind die Bedeutung davon näher zu bringen. Bei Kindern im Jugendalter ist dann nicht mehr das Erklären wichtig, sondern das gemeinsame Einordnen: Woher stammt die Information, die es hat, ist sie vertrauenswürdig und was bedeutet sie?

Brechen Sie herunter, was Krieg bedeutet: Sprechen Sie über Streit, Gewalt und auch den Tod, nutzen Sie die Chance, zu erklären was Moral und Ethik bedeutet.

Stichwort Medienkompetenz...

Genau. Wie auch wir Erwachsenen sind Jugendliche einer grossen Informationsflut ausgesetzt – nicht alles, was wir lesen ist auch wahr und nützlich. Jugendliche müssen lernen, diese Informationen zu bewerten und einzuordnen. Und auch, sich einmal Pausen davon zu gönnen... All dies ist natürlich auch für uns Erwachsene wichtig.

Fake News: Am meisten Einfluss hat immer noch das Umfeld

Medien können Orientierung geben und helfen, Zusammenhänge zu verstehen. Aber genauso können sie ein falsches Bild vermitteln, Unwahrheiten verbreiten und im Extremfall Hass oder Hetze provozieren. Genau darum ist es wichtig, dass sich Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Kinder auseinandersetzen und den Dialog suchen. Tipps zum Thema Fake News von Medienwissenschaftlerin Céline Külling. 

Wir sprechen nun bereits von den Erwachsenen - haben Sie als Psychologe noch einen Tipp für die Eltern? Wie sollen diese selbst mit der aktuellen Situation umgehen?

Schützen Sie sich vor der Informationsflut: Konsumieren Sie Medien bewusst und nur zu bestimmten und begrenzten Zeiten. Wenn Sie merken, dass Sie die Geschehnisse überfordern und Sie die Gefühle überwältigen, wenden Sie sich an eine Vertrauensperson – Ihren Partner oder Partnerin, einen Freund oder eine Freundin. Sprechen Sie über Ihre Gefühle und Ängste. Wenn dies nicht die gewünschte Sicherheit und Ruhe bringt: Holen Sie sich unbedingt Hilfe. Ab und zu braucht es Unterstützung und Orientierung von aussen, auch wenn das nur kurzfristig ist. Das ist wichtig. Denn Sie können Ihrem Kind nur helfen, wenn Sie zuerst sich selbst helfen.

Wenn es zu viel wird: Hilfe für Eltern und Kinder

Tipps wie Kinder und Eltern in schwierigen Zeiten Entspannung finden, gibt Familiencoach Maya Risch hier. Wenn das nichts nützt und Sie merken, dass Sie die Situation stark belastet oder Sie Ihrem Kind nicht mehr die Unterstützung bieten können, die es braucht, holen Sie sich Hilfe!

Folgende Anlaufstellen sind in schwierigen Situationen für Sie da:

Schweizer Sorgentelefon - Telefonnummer: 143 - Website

Pro Juventute - Telefonnummer 147 - Online-Chat

Eltern-Notruf Schweiz - Telefonnummer 0848 35 45 55 - Website

Angst- und Panikhilfe Schweiz - Telefonnummer 0848801109 - Website

Pro Mente Sana - Telefonnummer 0848 800 858 - Website

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