Leben > Krisen & Hilfe«Das brauch ich noch!»: Strategien fürs Ausmisten im Kinderzimmer – ohne Streit Sigrid Schulze Kleinen Kindern fällt es oft schwer, sich von scheinbar nutzlosen Dingen zu trennen. Dürfen Eltern den Ballast heimlich aussortieren? Tipps fürs Ausmisten im Kinderzimmer. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Bevor das Kinderzimmer im Chaos versinkt, solltet ihr gemeinsam mit dem Kind ausmisten. Bild: Markus Spieske - Unsplash Billige Verschenk-Artikel einer Fastfood-Kette, Give-aways von Kindergeburtstagen, Bastelarbeiten, ein schlapper Gas-Luftballon, Hefte und Bücher vom letzten Schuljahr, Stöcke aus dem Wald, Steine vom Fluss, ausrangierte Dinge von Grosis Estrich, der alte Brummkreisel: Im Kinderzimmer häufen sich schnell viele Dinge an. Spätestens wenn die Schränke überquellen und sich die Spielsachen auf dem Boden ausbreiten, so dass kaum noch Platz zum Spielen bleibt, denkst du ans Ausmisten. Aber das ist mit Kindern gar nicht so einfach: «Das brauchst du nicht mehr», «Damit spielst du doch gar nicht», «Das liegt doch nur rum!» findest du, während Kinder oft fest davon überzeugt sind, dass sie genau all diesen Krimskrams unbedingt noch brauchen. Kinder haben in der Regel wenig Lust, aufzuräumen und auszusortieren, weil sie den Nutzen der Aktion noch nicht sehen. Erwachsene dagegen gehen eher motiviert ans Werk – sie freuen sich auf die Ordnung, die sie schaffen. Dass Kinder grundsätzlich nicht gerne entrümpeln, hat aber meist nichts mit Faulheit zu tun: Das Herz vieler Kinder hängt an den scheinbar nutzlosen Dingen, die sich im Kinderzimmer anhäufen. Und ganz kleinen Kindern fehlt schlicht noch der Sinn für Ordnung: Erst wenn ein Kind weiss, dass gleiche Sachen zusammengehören und einen bestimmten Platz haben, gelingt auch das Aufräumen eher, hält die Elternberatung von Pro Juventute fest [1]. Warum sich Kinder schwer von Dingen trennen können Kinder identifizieren sich mit den Dingen, die sie gebastelt haben, mit den Heften, die sie beschrieben haben, mit den Geschenken, über die sie sich gefreut haben. Dinge, an denen ein Kind hängt, vermitteln Geborgenheit im Kinderzimmer. Der Gedanke, etwas abzugeben oder wegzuwerfen, ist für viele Kinder deshalb unerträglich, weil sie das Gefühl haben, dieses Ding sei ein Teil von ihnen selbst. «Den grossen Stein aus dem Kinderzimmer verbannen und in den Garten legen? Dann ist er doch sicher traurig!» Solche Sätze sind kein Spleen und auch keine Frage des Geschlechts: Im Vorschulalter schreiben viele Kinder Gegenständen eigene Absichten und Gefühle zu. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beschreibt das als «magische Phase», die etwa zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr das kindliche Denken prägt und sich in Teilbereichen bis über das sechste Lebensjahr hinaus ziehen kann – typisch dafür sind Erklärungen wie «Der Ball liegt unter der Kommode, weil er schlafen will» [2]. Aus diesem Grund fällt es Kindern auch schwer, das Baby-Spielzeug oder den alten Roller zu verschenken. Mit Geiz oder «Haben-wollen» hat das wenig zu tun. Dürfen Eltern das Kinderzimmer heimlich ausmisten? Doch das Kinderzimmer so überfüllt zu lassen, wie es ist, ist auch keine Lösung. So lässt sich weder spielen noch Ordnung halten und saubermachen. Der Gedanke, immer mal wieder etwas scheinbar Unnützes heimlich wegzuwerfen oder zu verschenken, liegt deshalb nahe. Die Aufräumcoach Karin Schrag sah das im Bieler Tagblatt grundsätzlich ganz anders. Dort sagte sie: «Nie ungefragt etwas wegwerfen! Denn Sachen, die in unseren Augen wertlos sind, können für Kinder sehr wertvoll sein.» Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas wirklich Wichtiges weggeworfen wurde, sei hoch. Der Schnipsel auf dem Schreibtisch scheint vielleicht schon lange unbeachtet, doch kann er einen hohen Wert für das Kind haben. Und selbst Dinge, die ein Kind lange Zeit vergessen hatte, kommen ihm vielleicht gerade in den Sinn, wenn sie entsorgt wurden. Das ist peinlich für Eltern, die mit dem Entrümpeln einen Vertrauensbruch begangen haben. Mit diesen Tipps gelingt es besser. Faire Lösungen für mehr Ordnung im Kinderzimmer 1 «Wir misten aus!» Mach eine klare Ansage: Dass im Kinderzimmer mehr Ordnung geschaffen werden soll und dass deshalb einige Dinge aussortiert werden müssen, ist nicht aushandelbar. Doch was im Kinderzimmer aussortiert wird, sollte dein Kind mitbestimmen dürfen. 2 Ab in die Kiste «Kaum etwas», lautet im schlimmsten Fall das Ergebnis der Aktion. Hier hilft folgende Strategie: Aussortierte Dinge werden nicht direkt weggeworfen, sondern erst mal eine Zeit lang aufgehoben – in einer Kiste in einem Schrank oder im Keller, wo sie wenig stören. Später, wenn sich dein Kind leichter von Dingen trennen kann, ist immer noch Zeit, die Kiste zu durchstöbern und teilweise endgültig zu entsorgen. 3 Flohmarkt Viele ältere Kinder haben Lust, sich auf dem Flohmarkt als Verkäufer zu versuchen. Steht der Flohmarkt-Termin fest, wird dein Kind von ganz allein das Kinderzimmer nach Dingen durchforsten, die es nicht mehr braucht. 4 In kleinen Schritten Wer gleich das ganze Kinderzimmer aufräumen will, nimmt sich zu viel vor. «Ausmisten mit Kindern dauert meistens länger als man denkt, zudem werden Kinder von Erwachsenen oft überfordert», so Karin Schrag. Besser ist es, beim Entrümpeln in kleinen Schritten vorzugehen. Heute ist das Regal dran, in ein paar Tagen erst der Schrank. 5 Weniger nachschieben Ausmisten hält nur so lange vor, wie nicht ständig Neues nachkommt. Ein Blick darauf, wie viele Spielsachen ein Kind wirklich braucht, erspart die nächste Aufräumaktion – und feste Plätze für alles, was bleibt, machen Ordnung überhaupt erst haltbar. Dafür gibt es einfache Ideen zur Aufbewahrung im Kinderzimmer. Spielerisch entrümpeln und aufräumen: 5 Ideen Aufräumen darf ruhig ein gemeinsames Spiel sein – Pro Juventute rät ausdrücklich dazu, das Ordnungmachen in ein Ritual zu verpacken, statt es zur Pflichtübung zu machen [1]. Die folgenden Ideen arbeiten teilweise mit Belohnungen und kleinen Sanktionen. Ob das zu euch passt, entscheidet ihr: Es gibt auch Wege zum Aufräumen ohne Drohen, Belohnen und Bestrafen. 1 Ab ins Spielzeuggefängnis Wenn Spielzeug herumliegt und du es findest, steckst du es ins Spielzeug-Gefängnis. Das kann ein Korb oder eine Kiste sein. Hier muss es drin bleiben, bis es das Kind mit einem Bon wieder freikauft. Jeder Bon ist mit einer Tätigkeit verknüpft. Zum Beispiel: «Kleider aufhängen», «Schuhe putzen», «Bettdecke abziehen». Spielzeug, das nicht vermisst wird, wird nach einer Weile weggegeben. 2 Farben-Spiel Dieses Spiel funktioniert am besten mit zwei Kindern. Du rufst eine Farbe und jedes Kind rennt los. Alle Spielsachen, die diese Farbe haben, dürfen verstaut werden. Welches Kind hat zum Schluss mehr Spielsachen verräumt? 3 Stempelkarte Jedes Mal, wenn die Kinder von sich aus ohne Aufforderung aufräumen, bekommen sie einen Stempel. Ist die Karte voll, gibt es eine gemeinsame Belohnung – das muss kein neues Spielzeug sein, ein Ausflug oder ein Spielabend tut es auch. 4 Tauschbox Nach dem Aufräumen geht ihr gemeinsam durchs Zimmer. Alles, was noch herumliegt, kommt in die Tauschbox. Alles, was in der Box liegt, dürfen die Kinder durch andere Spielsachen eintauschen. Nach einer gewissen Zeit wird das Spielzeug aus der Box gespendet. So lässt sich die Spielsachen-Flut etwas eindämmen. 5 Ordnen mit Bild-Etiketten Hilf deinem Kind, indem du Boxen oder Schubladen mit witzigen Bildern «beschriftest»: eine Kiste für Legos, eine für Puppen und so weiter. Wer weiss, wo seine Sachen hingehören, kann sie auch schneller verräumen. Du kannst auch eine Resten-Kiste machen, in die alle Spielzeuge kommen, die dein Kind nicht aufräumen will. Die Kiste ersetzt so das berühmt-berüchtigte Spielzeuglager unter dem Bett. Auch wenn keiner dieser Tricks immer funktioniert: Verzweifle nicht. Unordnung im Kinderzimmer ist normal und gehört zum Familienalltag. Quellen Pro Juventute, Elternberatung: Mein Kind hinterlässt ein Chaos. Abgerufen am 8. August 2026. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), kindergesundheit-info.de: Die magische Phase, Stand 27. März 2026. Abgerufen am 8. August 2026. (Deutsche Fachbehörde – für die entwicklungspsychologische Einordnung liegt keine gleichwertige Schweizer Publikation vor.)