Kind > SchuleMein Kind hat Legasthenie - Was bedeutet das? Sigrid Schulze Fatima Di Pane Dein Kind hat aus unerklärlichen Gründen Probleme beim Lesen und Schreiben? Vielleicht hat es Legasthenie. Betroffenen fällt es schwer, gesprochene Sprache in geschriebene umzuwandeln und umgekehrt. Das kann im Schulalltag zu grossem Stress führen – für dein Kind und für euch als Familie. Wichtig ist: Legasthenie hat nichts mit Faulheit oder mangelnder Intelligenz zu tun. Je früher du eine Abklärung und passende Unterstützung organisierst, desto besser lassen sich Frust, Lernlücken und ein angeknackstes Selbstwertgefühl verhindern. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Kinder mit Legasthenie erleben oft Frustration bei den Hausaufgaben. © Getty Images, Debovie Sophie Legasthenie: Das Wichtigste in Kürze Menschen mit Legasthenie haben Mühe damit, gesprochene Sprache in geschriebene umzuwandeln und umgekehrt. Dies führt zu Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Die Ursachen der Legasthenie sind noch nicht vollends erforscht. Es gibt aber Hinweise auf eine genetische Vererbbarkeit. Obwohl Legastheniker beim Lesen und Schreiben grosse Probleme haben, sind sie nicht weniger intelligent, als andere Menschen. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Legasthenie. Legasthenie wird mithilfe mehrerer Tests festgestellt. Anschliessend kann dem betroffenen Kind mit einer Therapie geholfen werden. In der Schule erhält es einen Nachteilsausgleich. Wenn für ein Kind Lesen und Schreiben zum Kampf mit den Buchstaben wird, hat es vielleicht eine Legasthenie. Legasthenie: Was ist das? Von Legasthenie spricht man, wenn es einem Kind schwerfällt, Lesen und Schreiben zu lernen, obwohl es sonst eine gute Auffassungsgabe hat. Legasthenie gehört zu den Teilleistungsstörungen und gilt als Entwicklungsstörung der Lese- und Schreibfähigkeiten. Häufig wird sie im Primarschulalter sichtbar, wenn die Anforderungen beim Lesen und Schreiben deutlich steigen. Entscheidend ist: Die Schwierigkeiten sind anhaltend und stehen nicht im Verhältnis zu Übung, Unterricht und sonstigen Fähigkeiten. Was ist der Unterschied zwischen Legasthenie und LRS? Im Alltag werden die Begriffe oft unterschiedlich verwendet. Vereinfacht gesagt: Bei einer Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) können die Probleme stärker durch äussere Umstände mitbedingt sein (zum Beispiel längere Absenzen, belastende Situationen oder fehlende passende Förderung). Bei Legasthenie wird eher von einer spezifischen, entwicklungsbedingten Schwierigkeit ausgegangen. Für dich als Elternteil ist vor allem wichtig: Unabhängig vom Begriff braucht dein Kind eine sorgfältige Abklärung und eine Förderung, die wirklich zu seinen Lernvoraussetzungen passt. Legasthenie Test: So wird Legasthenie diagnostiziert Legasthenie wird mithilfe von speziell entwickelten Tests diagnostiziert. Typischerweise gehören dazu ein Rechtschreibtest, ein Lesetest (Lesegenauigkeit und Leseflüssigkeit, teils auch Leseverständnis) sowie ein Test zur allgemeinen kognitiven Leistungsfähigkeit. Zusätzlich sollten Seh- und Hörprobleme ausgeschlossen werden, damit nicht eine behandelbare Sinnesbeeinträchtigung die Schwierigkeiten erklärt. Gute Diagnostik schaut nicht nur auf «Fehler», sondern auch auf Muster und Strategien: Wo genau hakt es (z. B. Laut-Buchstaben-Zuordnung, Lesetempo, Automatisierung)? Wenn du vermutest, dass dein Kind Legasthenie haben könnte, wendest du dich am besten an den lokalen schulpsychologischen Dienst. Oft ist auch die Klassenlehrer:in oder die schulische Heilpädagog:in eine gute erste Ansprechperson, um die nächsten Schritte zu klären. Leben mit Legasthenie in der Schweizer Schule Legasthenie betrifft nicht nur «Deutsch», sondern den ganzen Schulalltag: Aufgabenstellungen sind schriftlich, Prüfungen sind zeitlich eng, und viele Kinder erleben wiederholt, dass sie trotz Anstrengung schlechter abschneiden. Das kann zu Scham, Rückzug oder Wut führen. Mit passenden schulischen Massnahmen und einem unterstützenden Alltag zu Hause kann dein Kind jedoch lernen, seine Stärken zu nutzen und mit den Schwierigkeiten umzugehen. Förderangebote und Nachteilsausgleich In der Schweiz sind Förderangebote und Zuständigkeiten kantonal und teils sogar kommunal geregelt. Darum kann es Unterschiede geben, welche Unterstützung wie organisiert wird. In vielen Schulen sind folgende Massnahmen möglich: Zusätzliche Förderlektionen: gezielte Unterstützung in Lesen und Rechtschreiben, häufig durch schulische Heilpädagog:innen oder andere Fachpersonen. Hier werden Grundlagen (z. B. Lautbewusstheit), Leseflüssigkeit und Rechtschreibstrategien systematisch aufgebaut. Nachteilsausgleich: Anpassungen, damit dein Kind sein Wissen zeigen kann, ohne dass die Legasthenie alles überdeckt. Beispiele sind mehr Zeit, Aufgaben in ruhiger Umgebung, Vorlesen von Aufgabenstellungen, Nutzung technischer Hilfsmittel (z. B. Computer), oder dass Rechtschreibung in bestimmten Fächern weniger stark gewichtet wird. Angepasste Beurteilung: je nach Fach und Lernziel kann vereinbart werden, wie stark Rechtschreibleistung in die Note einfliesst (z. B. in Sachfächern anders als in Deutsch). Wichtig: Die Lernziele bleiben grundsätzlich gleich – aber der Weg dorthin wird fairer gestaltet. Frag konkret nach, wie es in eurer Schule geregelt ist, wer zuständig ist und welche Unterlagen benötigt werden. Je nach Kanton und Situation können Abklärung und schulische Unterstützung kostenlos sein oder im Rahmen der Volksschule finanziert werden. So unterstützt du dein Kind im Alltag Zu Hause geht es vor allem darum, Druck zu reduzieren, Lernen gut zu strukturieren und Selbstvertrauen aufzubauen. Diese Tipps sind praxistauglich und für viele Familien hilfreich: Druck rausnehmen: Achte darauf, dass dein Kind nicht ständig das Gefühl hat, «zu versagen». Formuliere klar: «Ich sehe, dass du dich anstrengst.» Das reduziert Stress – und Stress blockiert Lernen. Stärken betonen: Legasthenie sagt nichts über Kreativität, logisches Denken, soziale Kompetenz oder Interessen aus. Plane bewusst Zeiten ein, in denen dein Kind glänzen kann (Sport, Musik, Werken, Natur, Technik, Zeichnen). Vorlesen und Hörbücher: Gemeinsames Vorlesen, Hörbücher oder Vorlesefunktionen helfen beim Wortschatz, beim Textverständnis und bei der Freude an Geschichten – ohne dass die Leseschwierigkeit alles dominiert. Hausaufgaben-Routinen: kurze Einheiten (z. B. 10–15 Minuten), klare Pausen, fester Arbeitsplatz, sichtbare To-do-Liste. Lieber regelmässig kurz als selten lange. Hilfsmittel nutzen: Leselineal oder Lineal als Zeilenführung, grössere Schrift, mehr Zeilenabstand, klare Schriftarten. Digital können Rechtschreibunterstützung, Diktierfunktion (Sprache-zu-Text) oder Text-zu-Sprache entlasten. Wichtig ist, dass dein Kind lernt, diese Hilfen selbstständig und sinnvoll einzusetzen. Gezielt statt «mehr» üben: Frage die Fachperson oder Lehrkraft, welche Übungsform aktuell am meisten bringt (z. B. lautgetreues Schreiben, häufige Wortbausteine, kurze Lesetexte für Leseflüssigkeit). Ein passendes Ziel ist motivierender als «Übe einfach mehr». Wenn ihr beim Üben häufig eskaliert: Das ist kein Zeichen, dass du «zu streng» oder dein Kind «zu schwierig» ist. Es ist ein Hinweis, dass Methode, Umfang oder Zeitpunkt nicht passen. Dann lohnt sich eine Anpassung – oder eine kurze Pause. Wann weitere Abklärungen sinnvoll sind Manchmal ist Legasthenie nicht das einzige Thema. Weitere Abklärungen können sinnvoll sein, wenn du diese Warnsignale beobachtest: Anhaltend massiver Frust, häufiges Weinen oder starke Angst vor Schule, wiederkehrende Vermeidung (z. B. «Ich bin krank» vor Tests) Körperliche Beschwerden wie Bauchweh oder Kopfweh, die vor allem rund um Schule/Hausaufgaben auftreten Zusätzliche Sprachauffälligkeiten (z. B. deutliche Wortfindungsprobleme, sehr schwaches Sprachverständnis) oder Verdacht auf weitere Lernschwierigkeiten Deutliche psychische Belastung wie Rückzug, Schlafprobleme, anhaltend gedrückte Stimmung oder starke Selbstabwertung Mögliche nächste Schritte können je nach Situation sein: Logopädie (bei sprachlichen Auffälligkeiten), Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychotherapie (wenn Angst, Selbstwertprobleme oder starke Belastung im Vordergrund stehen) sowie eine neuropsychologische Abklärung (wenn mehrere Bereiche betroffen sind oder eine differenzierte Einschätzung für Schule und Förderung nötig ist). Legasthenie Ursachen: Wie kommt es zu Legasthenie? Die Ursachen der Legasthenie sind komplex. Aktuelle Forschung geht davon aus, dass bei betroffenen Kindern vor allem die Verarbeitung von Sprachlauten und die Verknüpfung von Lauten mit Buchstaben weniger automatisiert abläuft. Dadurch kostet Lesen und Schreiben deutlich mehr Energie. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, weil Legasthenie in Familien gehäuft vorkommen kann. Wichtig: Das bedeutet nicht, dass du als Elternteil etwas «falsch gemacht» hast. Kann Legasthenie geheilt werden? Legasthenie kann man nicht heilen. Durch gezielte Förderung und Unterstützung kann ein Kind jedoch trotz Legasthenie erfolgreich in Schule und Ausbildung sein. Viele Kinder lernen Strategien, die ihnen langfristig helfen (z. B. Rechtschreibregeln, Wortbausteine, sinnvolle digitale Hilfen). Legasthenie hat nichts mit Intelligenz zu tun. Legasthenie Symptome: Diese Probleme haben Legastheniker Legastheniker haben Probleme damit, gesprochene in geschriebene Sprache umzuwandeln und umgekehrt. Dies äussert sich zum Beispiel darin, dass sie beim Schreiben viele Fehler machen, nur langsam lesen und Probleme beim Vorlesen haben. Auch das Leseverständnis kann eingeschränkt sein – oft nicht, weil dein Kind Inhalte nicht versteht, sondern weil das Lesen so viel Konzentration braucht, dass weniger Energie fürs Verstehen bleibt. Wie intelligent sind Legastheniker? Menschen mit Legasthenie sind genauso intelligent wie Menschen ohne die Störung. Legasthenie beschreibt eine spezifische Schwierigkeit beim Lesen und/oder Rechtschreiben – nicht die allgemeine Begabung. In der Diagnostik wird unter anderem geprüft, ob die Schwierigkeiten durch andere Ursachen besser erklärt werden können. Legasthenie kann ein Kind stark belasten. © Getty Images, triocean 📚 Legasthenie: Hier findest du Unterstützung 📚 Verband Dyslexie Schweiz Der Verband setzt sich für eine gesteigerte Sensibilisierung und Förderung von Menschen mit Legasthenie ein. Sie bietet Hilfestellungen und Ressourcen rund um um Diagnostik, Förderung und Nachteilsausgleiche. Buchknacker Eine Online-Bibliothek speziell für Kinder und Jugendliche mit Legasthenie. Hier können viele verschiedene Inhalte heruntergeladen oder angehört werden. Legasthenie Therapie: Das kann man tun Bei einer Therapie kommen beispielsweise spezielle Lese- und Schreibübungen zum Zug, oder das Erlernen verschiedener Techniken, die das Lesen und Schreiben erleichtern. Eine Förderung ist besonders wirksam, wenn sie regelmässig stattfindet, die passenden Teilfertigkeiten trainiert und Fortschritte sichtbar macht. Häufig nimmt eine Therapie etwa ein bis zwei Stunden pro Woche in Anspruch. Die Therapie und Förderung von Kindern mit Legasthenie wird individuell festgelegt. Eine Fachperson, meist eine Heilpädagogin oder eine Logopädin, bespricht die Möglichkeiten mit den Eltern und Lehrkräften des Kindes. Sinnvoll ist, klare Ziele festzulegen (z. B. Leseflüssigkeit steigern, bestimmte Rechtschreibmuster sichern) und regelmässig zu prüfen, was wirklich hilft. Nachteilsausgleich bei Legasthenie Da es sich bei einer Legasthenie rechtlich um eine Behinderung handeln kann, haben Betroffene gemäss dem Behindertengleichstellungsgesetz ein Recht auf Unterstützung. Bei Schulkindern kann das zum Beispiel heissen, dass sie für eine Prüfung länger Zeit bekommen oder Verständnisfragen zu schriftlichen Aufgaben stellen dürfen. Oft sind auch Hilfsmittel oder organisatorische Anpassungen möglich. Diese Anpassungen helfen dabei, die Nachteile, die ein Legastheniker erlebt, auszugleichen. Die Lernziele sind jedoch dieselben, wie jene für alle anderen Schüler.